Der Schlüssel hatte sich noch nicht ganz im Schloss gedreht, da hörte Franziska schon eine Stimme hinter der Tür. Es war nicht die von Tobias, ihrem Verlobten. Es war die seiner Mutter.
— Mä-del! Die Badezimmertür hat einen Schimmelfleck, groß wie ein Teller. Du musst da jeden Tag mit Chlorreiniger ran, wirklich.
Franziska schloss zwei Sekunden lang die Augen. Die Tür quietschte. Bratgeruch zog durch den Flur.
Frau Brunner stand natürlich in der Küche. Die Frau hatte seit ihrer Gallenblasen-OP vor drei Jahren einen Zweitschlüssel und hielt dieses Privileg offenbar für lebenslang gültig. Franziska trat ins Wohnzimmer und spürte den feuchten Teppich, der nach Reinigungsmittel roch. Die Schwiegermutter hatte wieder alles geputzt. Ungefragt. Ohne ein Wort vorher.
— Hallo, Frau Brunner. Ist was passiert?
Die Frau drehte sich vom Spülbecken um, einen Schwamm in der Hand, und lächelte – nur mit den Lippen, ohne die Zähne zu zeigen.
— Passiert ist, dass ich hier vorbeigekommen bin und ein bisschen aufgeräumt habe. Tobias hat sich beschwert, die Wohnung würde nach Hund riechen.
Franziska ließ den Rucksack aufs Sofa fallen. Dieser angebliche Hundegeruch, falls es ihn überhaupt gab, war völlig normal für jemanden, der zwölf Stunden am Tag in einer Tierarztpraxis arbeitete. Außerdem wurde Krümel, der gerettete Mischlingshund, jede Woche gebadet und hatte ein saubereres Körbchen als so mancher Menschen sein Kissen.
— Ich war mit Krümel am Dienstag beim Baden — sagte sie und strich dem Hund übers Fell, der sie mit schiefgelegtem Kopf ansah. — Haben Sie Tobias gesehen?
— Der liegt im Schlafzimmer, ruht sich aus. Der Junge hat diese Woche so viel gearbeitet, der Arme.
Franziska ging ins Schlafzimmer. Tobias lag im Bett, Kopfhörer auf, schaute etwas auf dem Handy, ein Teller Kuchen auf dem Nachttisch. Er hob kurz das Kinn zur Begrüßung. Hinter ihr, aus dem Flur, war wieder das Summen der Mutter zu hören.
Noch drei Monate bis zur Hochzeit. Der Caterer war angezahlt — Franziska hatte 900 Euro Anzahlung aus der Abfindung ihres letzten Jobs geleistet. Das Kleid hing im Kleiderschrank ihrer Freundin Clarissa, am anderen Ende von Bielefeld. Und Frau Brunner kam jede Woche, manchmal zweimal, mit einem Schlüsselbund in der Hand und einer neuen Anweisung, wie die künftige Schwiegertochter mit dem Vermögen umzugehen habe, das ihrer Meinung nach eigentlich dem Sohn gehörte.
Die Wohnung war übrigens Franziskas. Ein Erbe von ihrer Großmutter mütterlicherseits. Jede Fliese in der Küche hatte sie selbst in einem Fachgeschäft in der Altstadt ausgesucht. Tobias war vor einem Jahr eingezogen, mit einem Rucksack und einer PlayStation. Die Mutter war im Geiste mitgezogen, und jetzt eben auch leibhaftig.
Am folgenden Samstag war eigentlich Ausruhen geplant. Franziska hatte am Freitag Doppelschicht gehabt, zwei Kaiserschnitte bei einer Französischen Bulldogge, und spürte kaum noch ihren Rücken. Sie kam um neun Uhr abends nach Hause, eine Tüte Fleischküchle vom Wochenmarkt in der Hand und dem aufrichtigen Wunsch nach Dusche, Essen und Bett.
Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Der Esstisch, mit einer Decke bedeckt, die sie noch nie gesehen hatte, war für sechs Personen gedeckt. Zwei der Gesichter kannte sie nicht.
— Da ist ja das Geburtstagskind! — verkündete Frau Brunner und klatschte in die Hände.
Franziska blieb mitten im Zimmer stehen. Niemand hatte Geburtstag. Jedenfalls wusste sie von nichts.
— Frau Brunner, was soll das?
— Na, ein kleines Abendessen. Herr Kessler und Frau Wagner sind Freunde von mir aus dem Kirchenchor, aus Herford rübergekommen, um dich kennenzulernen. Keine Sorge, ich hab alles gemacht.
Die Frau zeigte stolz auf den Tisch. Schüsseln mit Kartoffelsalat, Brathähnchen, Reis mit Rosinen. Krümel war in der Waschküche eingesperrt und winselte. Tobias saß bereits am Tisch, bediente sich und lachte über irgendetwas, das dieser Herr Kessler erzählte.
Franziska spürte, wie ihr das Blut in die Ohren stieg. Es war noch keine Wut. Es war eine ganz bestimmte Art Erschöpfung, von der Sorte, die sich in dünnen Schichten aufbaut, bis sie zu Stein wird.
Sie stellte die Tüte auf die Arbeitsplatte.
— Frau Brunner, wir müssen reden. Jetzt.
Das Lachen am Tisch erstarb. Die Schwiegermutter zog eine Augenbraue hoch und griff nach der Reisschüssel, als hätte sie nichts gehört.
— Reden können wir, Kind. Aber setz dich erst mal, ja? Das Essen wird kalt.
— Nein, ich setze mich nicht. Sie haben Leute, die ich nicht kenne, an einem Samstagabend in meine Wohnung geholt, ohne mir Bescheid zu sagen. Und Krümel ist in der Waschküche eingesperrt.
— Ach, aber der Hund springt doch immer aufs Sofa…
— Das Sofa gehört mir, Frau Brunner. Die Wohnung gehört mir. Und der Samstag sollte auch mir gehören.
Frau Brunner stellte die Schüssel ab. Ihre Lippen wurden schmal.
— Hör mal zu, seit Tobias hier eingezogen ist, ist das auch das Zuhause meines Sohnes. Ich werde nicht um Erlaubnis bitten, um das Zuhause meines Sohnes zu betreten.
Franziska atmete tief durch. Der Groschen fiel. Nicht fiel — er stürzte.
— Tobias.
Der Verlobte legte endlich die Gabel hin und sah sie kauend an.
— Ach, Schatz, lass gut sein. Mama wollte nur eine Überraschung machen.
— Ich hab um keine Überraschung gebeten. Ich hab um Ruhe gebeten. Um eine Dusche. Um mein Bett.
— Machst du wegen einem Abendessen so ein Theater?
Da legte Frau Brunner die Hand auf die Schulter ihres Sohnes und setzte diesen einstudierten Märtyrer-Blick auf, während sie die Gäste ansah, als würde sie sich für ein unerzogenes Kind entschuldigen.
— Wir haben das schon von Anfang an gemerkt, dass sie meine Anwesenheit nicht besonders mag. Aber ist schon gut, wissen Sie, Herr Kessler? Sie ist ein anständiges Mädchen, hatte nur keine Mutter, die ihr gewisse Dinge beibringen konnte.
Der Satz landete wie ein Eisklumpen in Franziskas Magen. Ihre Mutter war vor acht Jahren gestorben. Frau Brunner wusste das. Sie wusste es genau.
Franziska schrie nicht. Sie weinte auch nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank, nahm das kleine Samtkästchen heraus und kam zurück.
Sie legte den Verlobungsring auf den Tisch, neben die Kartoffelsalatschüssel.
— Hör zu, Tobias. Das hier war ein Ja. Jetzt ist es ein Nein. Du hast bis Sonntag Zeit, deine Sachen hier rauszuholen.
Die Stille im Zimmer war vollkommen. Herr Kessler starrte auf das Hähnchen, als erwartete er, dass es davonfliegen würde. Frau Wagner drehte und wendete die Serviette auf ihrem Schoß.
Tobias stand auf, das Gesicht zwischen Fassungslosigkeit und Empörung.
— Machst du Witze? Wegen einem Abendessen?
— Nein. Wegen drei Jahren, in denen „meine Wohnung, meine Regeln" ignoriert wurde. Wegen eines Schlüssels, den ich nie gegeben habe. Wegen einer Mutter, die sich als Besitzerin von etwas fühlt, das sie nie mit aufgebaut hat. Und wegen eines Mannes, der bis jetzt kein einziges Wort gesagt hat, um mich zu verteidigen.
Die Schwiegermutter öffnete den Mund, aber etwas an Franziskas Haltung — vielleicht das völlige Fehlen jeden Zögerns — ließ sie ihn wieder schließen.
— Das Essen steht bereit — sagte Franziska, nahm die kalt gewordene Tüte vom Markt und ging in die Waschküche, um den Hund zu befreien.
Der Rest war reine Formsache. Tobias versuchte es am Sonntag mit Argumenten, dann schob er den Stress auf der Arbeit vor, dann bat er Clarissa, zu vermitteln. Aber Clarissa kannte Franziska seit der Schulzeit und antwortete dem Ex-Verlobten nur mit einer vierzehnsekündigen Sprachnachricht, die mit einem „alles gut, aber nein" endete.
Am Montag holte er den Fernseher und die PlayStation. Am Dienstag tauchte ein Cousin mit einem Kleintransporter auf, um den Rest zu holen. Am Mittwoch ließ Franziska das Schloss austauschen.
Frau Brunner schickte eine lange WhatsApp-Nachricht, in der sie erklärte, das Ganze sei nur ein Missverständnis gewesen, sie habe nur das Beste für das Paar gewollt, Herr Kessler habe bemerkt, wie nervös Franziska doch sei. Franziska antwortete nicht. Sie machte einen Screenshot, schickte ihn an Clarissa mit einem Sticker eines augenrollenden Hundes und blockierte die Nummer.
Am folgenden Samstag wachte sie um sieben Uhr auf, Krümel leckte ihr über den Fuß. Sie trank Kaffee auf dem Balkon, blickte auf die noch leere Straße, der Geruch von feuchter Erde stieg aus dem Garten des Nachbarn auf. Sie kaufte zwei Fleischküchle auf dem Wochenmarkt und teilte das mit Käse mit dem Hund.
Der Ring lag noch immer in der Nachttischschublade. Nicht aus Sentimentalität — eher aus Bequemlichkeit, ihn nicht zum Pfandhaus in der Innenstadt zu bringen. Aber wenn sie es genau bedachte: Mit dem Wert des Solitärs und der stornierten Feier ließen sich die Raten für das neue Ultraschallgerät der Praxis abzahlen.
Sie griff zum Handy und öffnete die Banking-App. Während sie ihr Passwort eintippte, legte Krümel den Kopf auf ihr Knie, und aus der Küche war leise das Blubbern der Kaffeemaschine zu hören, die gerade fertig wurde. Ein halbes Dutzend Stare zog dicht am Fenster vorbei. Der Kaffee wurde kalt, bevor sie den ersten Schluck trank, aber niemand war da, der sich beschwerte, dass die Ehefrau ihrem Mann nicht richtig aufwartete. Und für Franziska war das der beste Kaffee der ganzen Woche.







