Die Frau mit dem gelben Schein

Am Montag, dem 23. September, stand Barbara Tietze um kurz vor elf in der Filiale der Deutschen Post am Anger in Erfurt. In der Hand hielt sie einen gelben Benachrichtigungsschein. Ein Paket sollte für sie hinterlegt sein, Absender unleserlich, das Gewicht mit 2,4 Kilogramm angegeben. Sie hatte den Vormittag eigentlich für den Keller eingeplant, die Einmachgläser vom letzten Jahr aussortieren, aber der Schein hatte sie aus dem Trott geholt. Wer schickt mir ein Paket? Ihre Tochter Hannah rief seit Wochen nicht zurück. Ihr Bruder lebte in Bad Homburg und meldete sich nur zu Weihnachten. Also war sie losgefahren.

Der junge Mann am Schalter, ein Auszubildender mit einem Pickel am Kinn, drehte den Schein zweimal um. Er tippte die Sendungsnummer ein. Er runzelte die Stirn. Dann zog er die Maus zu sich heran und sagte: „Da ist nichts hinterlegt.“

Barbara beugte sich vor. Die Glasscheibe war kalt an der Stirn. „Wie, nichts?“

„Die Nummer ist registriert, aber“, er scrollte, „der Absender sind Sie selbst, Frau Tietze. Das ist die Kopie des Einschreibens, das Sie vor drei Wochen aufgegeben haben. Die Sendung wurde nicht zugestellt. Annahme verweigert.“ Er drehte den Bildschirm zu ihr.

Sie las: Erfurt, den 2. September. Empfängerin: Hannah Tietze, Eisenbahnstraße 114, Leipzig. Annahme verweigert. Der Stempel war violett, fast zart.

Der Auszubildende holte das Kuvert aus einem Fach. Es war dasselbe weiße Kuvert mit dem blauen Rand, das sie im Schreibwarenladen gekauft hatte. Sie hatte den Absender auf die Rückseite geschrieben, mit dem Kugelschreiber, der in der Küchenschublade liegt. Ungeöffnet. Der Klebestreifen war noch zu.

„Möchten Sie es mitnehmen?“, fragte er.

Sie nickte. Ihre Finger schlossen sich um das Papier. Sie spürte die Ecken.

Draußen roch es nach nassem Laub und Abgasen von der Straßenbahn. Sie setzte sich in ihren alten Opel Corsa, Baujahr 2009, legte den Brief auf den Beifahrersitz. Sie startete den Motor nicht sofort. Durch die Windschutzscheibe sah sie, wie eine Straßenbahn der Linie 3 in Richtung Europaplatz vorbeizog. Die Anzeige zeigte 10:47. Sie hatte noch eine Stunde, bis die Apotheke sie zur Mittagsschicht erwartete.

Sie fuhr nicht in die Stadt zurück. Sie fuhr die Heinrichstraße runter, vorbei am alten Konsum, und bog in den schmalen Weg zur Kleingartenanlage „Flora“ am Rande des Steigerwalds. Ihr Mann war vor vier Jahren gestorben, Herzinfarkt im Treppenhaus. Er hatte ihr den Garten hinterlassen, eine Parzelle mit einem halb verfallenen Bungalow und vier Apfelbäumen, die im August so viele Äpfel trugen, dass die Zweige brachen. Der Kleingartenverein wollte die Parzelle seit zwei Jahren zurückkaufen, für einen neuen Spielplatz. Der Brief, den sie an Hannah geschickt hatte, betraf genau das.

Im Bungalow roch es nach feuchter Erde und kaltem Rauch aus dem alten Ofen. Sie stellte den Brief an die Kaffeemaschine. Dann goss sie Wasser in den Tank, obwohl sie wusste, dass der Filter noch vom letzten Sonntag drin war. Der Kaffee würde bitter schmecken. Sie drückte trotzdem auf den Knopf.

Der Brief enthielt die Mitteilung, dass die Stadt Erfurt die Parzelle zum 31. Dezember dieses Jahres übernehmen würde. Entschädigung: 18.000 Euro. Sie hatte Hannah gefragt, ob sie das Geld gemeinsam anlegen sollten. Und weil sie ihre Tochter kannte, hatte sie sicherheitshalber noch einen Satz dazugeschrieben: „Du musst nicht antworten, ich regle das. Aber wenn du eine Meinung hast, ruf an.“

Hannah hatte den Brief nicht angenommen. Sie hatte ihn nicht einmal geöffnet.

Barbara trank den Kaffee. Er schmeckte nach altem Filterpapier, nach Metall und Verlust. Sie goss den Rest in den Ausguss. Dann nahm sie den Brief und legte ihn in die Schreibtischschublade, ganz hinten, unter die alten Garantiekarten für die Waschmaschine.

Die Apotheke am Fischmarkt war an diesem Nachmittag leer. Sie stand hinter dem Verkaufstresen, sortierte die Bestellzettel, als Frau Köhler hereinkam, die alte Lehrerin mit dem Rollator. Sie wollte ihr Blutdruckmessgerät prüfen lassen. Während sie den Arm aufpumpte, sagte Frau Köhler: „Meine Tochter in München schickt mir jetzt jede Woche ein Foto von den Enkeln. Ich freue mich, aber ich wünschte manchmal, sie würde einfach anrufen.“ Barbara konzentrierte sich auf die Nadel am Manometer. 145 zu 90. Sie trug den Wert in die Karte ein. Zu hoch. Sie sagte es leise, fast entschuldigend.

Am Abend zu Hause in ihrer Wohnung in der Andreasvorstadt machte sie sich eine Stulle mit Leberwurst und setzte sich vor den Fernseher. Auf dem Tisch lag der Zettel mit der Sendungsnummer. Sie faltete ihn zu einem kleinen Viereck.

Sie hatte Hannah großgezogen nach dem Tod des Vaters. Allein. Sie hatte Spätschichten übernommen und morgens das Pausenbrot geschmiert. Sie hatte auf dem Flohmarkt am Domplatz gestanden und die Winterjacke des Kindes verkauft, um die Klassenfahrt nach Weimar zu bezahlen. Sie hatte jeden Monat dreißig Euro auf ein Konto gelegt, das sie später für das Studium auflöste. Sie hatte es nie erwähnt. Nicht ein einziges Mal.

Hannah war jetzt in Leipzig. Physiotherapeutin in einer Praxis in Plagwitz. Der Freund hieß Torben und arbeitete als Koch in einem Restaurant in Lindenau. Barbara hatte ihn zweimal gesehen. Beim zweiten Mal hatte er nicht aufgeschaut, als sie kam. Er hatte in einer Pfanne gerührt und gesagt: „Ich mach gleich.“ Das Essen war gut gewesen, das musste sie zugeben. Aber er hatte keine Fragen gestellt. Nicht nach der Apotheke, nicht nach dem Garten, nicht nach ihrem Rücken, der seit dem Winter wehtat. Er hatte nur über die Küche gesprochen, die er sich kaufen wollte. Eine Induktionsplatte mit Dunstabzugshaube. Neuntausend Euro, hatte er gesagt.

Sie beschloss, am kommenden Wochenende nach Leipzig zu fahren. Ohne Anruf. Mit einem Glas Zwetschgenmus aus dem Garten. Sie wusste, Hannah aß das gern aufs Brot.

Die Fahrt dauerte anderthalb Stunden, die A38 war frei. Als sie in Plagwitz ankam, parkte sie den Corsa gegenüber der Eisenbahnstraße. Ein Hund bellte in einem Hinterhof. Vor dem Haus standen drei überquellende Mülltonnen. Aus dem Flur roch es nach kaltem Rauch und feuchtem Putz.

Hannah öffnete die Tür im Morgenmantel. Es war kurz vor zehn. „Mama?“, sagte sie. Sie machte die Tür nicht weiter auf. „Warum hast du nicht angerufen?“

Barbara hielt ihr das Glas entgegen. „Das ist vom letzten Herbst. Aus der Flora. Ich dachte, du freust dich.“ Der Flurlärm einer Waschmaschine drang aus dem Keller. Sie hörte, wie der Schleudergang anlief.

Hannah nahm das Glas. Sie drehte es in den Händen. Dann trat sie einen Schritt zur Seite. „Komm rein. Aber nicht lange, ich muss um zwölf in die Praxis.“

In der Küche standen schmutzige Teller neben dem Herd. Auf der Fensterbank lag ein eingetrockneter Teebeutel. Barbara stellte ihre Tasche auf einen Stuhl. Sie sah den Kühlschrank. Oben, auf einem Stück abgebrochenem Magneten, hing der Kassenzettel von einem Bio-Laden. Darauf standen Ziegenkäse, Rucola, Datteltomaten. Summe: 23,70 Euro.

Sie setzte sich. Hannah stand mit gekreuzten Armen an der Arbeitsplatte. „Du hast mein Einschreiben nicht angenommen“, sagte Barbara.

Hannah atmete aus durch die Nase. „Ich wusste, was drinsteht. Das mit dem Garten. Du hast es mir schon dreimal gesagt. Du willst mein Einverständnis, dass du das Geld nimmst. Du brauchst es nicht. Nimm es. Kauf dir was. Hör auf zu fragen.“

„Das Geld gehört dir zur Hälfte“, sagte Barbara.

„Mir gehört gar nichts.“ Hannahs Stimme war scharf. „Papa hat den Garten bezahlt. Du hast ihn gepflegt. Ich habe ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Ich möchte nichts davon.“

„Hannah.“

„Mama, ich will es nicht. Verstehst du? Ich will kein Erbe, solange du lebst. Ich will keinen Streit. Ich will, dass du aufhörst, mir jeden Monat einen Brief zu schicken, als ob ich dich verklagen würde.“

Es klopfte an der Tür. Hannah ging öffnen, ohne zu fragen. Draußen stand ein Mann, vielleicht Ende dreißig, mit einer Thermoskanne und einem Klemmbrett. „Frau Tietze? Ich komme von der Hausverwaltung, wegen der Nebenkostenabrechnung.“ Barbara stand auf. Sie ging in den Flur. Sie hörte, wie Hannah sagte: „Das ist meine Mutter.“ Der Mann sah Barbara an. Er trug einen grauen Pullover mit einem kleinen Firmenlogo. Er sagte: „Dann wissen Sie ja Bescheid.“ Er gab Hannah das Klemmbrett, auf dem eine Rechnung lag. 1.100 Euro Nachzahlung für Heizung und Warmwasser. Fällig zum 15. November.

Hannahs Gesicht veränderte sich. Sie blätterte in den Seiten. „Das kann nicht sein“, sagte sie. „Die Ablesewerte stimmen nicht. Ich war drei Monate in Österreich zur Fortbildung. Da war die Heizung aus.“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Die Ablesung wurde von der Firma durchgeführt. Sie können Widerspruch einlegen. Schriftlich. Bis zum 30. September.“

Barbara sah ihre Tochter an. Hannahs Lippen bewegten sich, als würde sie rechnen. Die Zahl 1.100 hing im Raum wie ein Geruch, den man nicht zuordnen kann. Torben war nicht da. Er war wahrscheinlich in der Küche des Restaurants, bei der Induktionsplatte. Die Rechnung war nur auf Hannahs Namen.

Barbara zog ihre Jacke wieder an. Sie sagte nichts. Sie ging in die Küche und öffnete ihre Handtasche. Der Filzbeutel, in dem sie die Münzen aufbewahrte, lag ganz unten. Sie nahm einen Fünfzig-Euro-Schein heraus. Dann noch einen. Dann zögerte sie. Sie nahm einen dritten. 150 Euro. Sie legte sie auf den Küchentisch, zwischen die fleckigen Teller.

„Mama, das nimmst du sofort wieder“, sagte Hannah. Sie kam in die Küche, das Klemmbrett in der Hand.

Barbara stellte die Handtasche auf den Boden. Sie bemerkte, dass der Griff abgewetzt war. Sie hatte die Tasche seit 2012. „Das war mein Fehler“, sagte sie. „Das mit dem Brief. Ich hätte anrufen sollen. Aber das Geld hier ist für die Rechnung. Ich will es nicht zurück.“

„Ich will es nicht. Ich komme allein klar.“

„Das weiß ich“, sagte Barbara. „Ich auch.“ Sie nahm ihre Tasche. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Wenn du Widerspruch einlegen willst, ruf die Firma an. Die Nummer steht auf der Rechnung. Aber mach es schriftlich. Per Einschreiben.“ Sie hielt kurz inne. „Ich weiß, dass du das hasst. Aber es hilft.“

Am Abend, zurück in Erfurt, saß sie auf dem Balkon. Die Nachbarn unter ihr grillten. Der Rauch zog zu ihr hoch. Sie aß eine Scheibe Brot mit dem Zwetschgenmus, das Hannah nicht hatte nehmen wollen. Auf dem Tisch lag der Zettel mit der Sendungsnummer. Sie faltete ihn auseinander. Sie las die Nummer. Sie faltete ihn wieder zu.

Am Montag darauf rief Hannah an. Nicht auf dem Handy, sondern auf dem Festnetz. Barbara stand gerade in der Küche und schälte Kartoffeln. Der Anrufbeantworter sprang an, aber sie hob ab. „Hannah?“

„Ich habe die Widerspruch per Einschreiben geschickt. Die Firma hat sich gemeldet. Es war ein Fehler beim Ablesen. Die Rechnung wurde storniert.“ Eine Pause. Dann: „Danke für die 150 Euro. Ich schick sie dir zurück. Ich hab nur gerade nicht alles auf einmal.“ Barbara schälte die Kartoffel weiter. Die Schale fiel in die Spüle.

„Behalt sie“, sagte Barbara. „Kauf dir eine gute Decke für den Winter. Oder fahr mit Torben mal weg. Im November ist es in Leipzig so grau.“

„Mama, ich will das nicht.“ Und dann, leiser: „Aber danke. Wirklich.“ Es knackte in der Leitung. Barbara hörte, wie im Hintergrund ein Herd ausgeschaltet wurde. Torben. Er rief etwas. Hannah deckte das Telefon ab. Als sie zurückkam, sagte sie: „Ich muss los. Wir können mal telefonieren. Nicht so spät.“ Sie legte auf.

Barbara legte den Hörer auf die Station. Sie nahm die Kartoffel aus dem Wasser. Sie schälte weiter. Die Schale fiel weich in das Sieb.

Am Sonntag darauf fuhr sie wieder nach Leipzig. Diesmal ohne Glas. Sie parkte gegenüber der Eisenbahnstraße und wartete. Der Motor war aus. Es war kühl. Aus dem Haus kam ein junger Mann mit einem Hund, einem braunen Mischling mit weißer Schnauze. Der Hund blieb am Baum stehen. Der Mann tippte auf sein Handy. Der Hund sah zu Barbara herüber. Dann zog der Mann an der Leine, und der Hund trottete weiter. Es regnete leicht. Sie beschloss, nicht hineinzugehen.

Stattdessen fuhr sie in die Kleingartenanlage. Der Bungalow war kalt. Sie holte die Leiter aus dem Schuppen und stieg auf das Dach. Die Dachpappe war an zwei Stellen gerissen. Sie würde das reparieren müssen, bevor der erste Schnee kam. Sie notierte die Maße auf einem alten Briefumschlag. Der Bleistift lag seit dem Frühjahr im Fensterrahmen. Er schrieb noch.

Als sie hinunterstieg, fiel ihr Blick auf die Schreibtischschublade. Der ungeöffnete Brief lag noch da. Sie öffnete die Schublade. Sie nahm den Brief heraus. Sie hielt ihn in den Händen. Dann nahm sie ihn mit nach draußen, zum Feuerkorb, den ihr Mann vor Jahren aus einem alten Waschmaschinentrog gebaut hatte. Sie legte den Brief hinein; es war windstill. Das Papier flammte auf. Es brannte orange und blau. Sie blieb daneben stehen, bis nichts mehr da war außer grauen Flocken, die der Wind über die Apfelbäume trug.

Der Bungalow roch noch zwei Tage nach Rauch.

Am nächsten Morgen rief sie bei der Stadt an. Sie sprach mit einem Sachbearbeiter namens Herr Lindner. Sie vereinbarte einen Termin für den 15. Oktober, um den Übernahmevertrag für die Parzelle zu unterschreiben. 18.000 Euro. Sie wusste, dass sie das Geld nicht wollte, aber sie wusste auch, dass Hannah es nicht ablehnen konnte, wenn es einfach da war. Und sie wusste, dass sie den Garten trotzdem behalten würde. Sie würde die Bäume verpachten oder selbst pflegen, so lange es ging.

Am 15. Oktober saß sie im Amt am Fischmarkt, Zimmer 4, Erdgeschoss. Der Sachbearbeiter legte ihr zwei Ausfertigungen vor. Sie unterschrieb beide. Der Füller gehörte ihr, ein mattschwarzer Parker, den sie seit 1984 benutzte. Sie drückte den Namen ins Papier: Barbara Tietze. Die Unterschrift war klar und fest. Der Sachbearbeiter sagte: „Das Geld wird bis Ende des Monats auf Ihr Konto überwiesen.“ Sie nickte. Sie hatte kein Gefühl dabei, außer Müdigkeit in den Schultern.

Sie stand auf. Der Stuhl scharrte über den Linoleumboden. An der Tür blieb sie stehen. „Entschuldigung“, sagte sie. „Wenn ich die Parzelle weiter pflegen will, aber das Geld trotzdem nehme – geht das?“

Der Sachbearbeiter blickte von den Papieren auf. Er hatte graue Augen und eine kleine Narbe am Kinn. „Das Grundstück wird an den Verein zurückgegeben. Sie können weiterhin Mitglied sein, wenn Sie eine andere Parzelle annehmen. Oder Sie schließen einen Nutzungsvertrag ab. Das müsste ich prüfen lassen. Aber möglich ist vieles, Frau Tietze. Wenn man fragt.“

„Dann bitte ich darum“, sagte Barbara.

Sie verließ das Amt. Auf der Treppe blieb sie stehen, weil ihr der Rücken wehtat. Sie knöpfte den Mantel zu. Es war Oktober. Die Kastanien am Anger wurden braun.

Zu Hause kochte sie eine Linsensuppe. Auf dem Herd stand noch die Kaffeemaschine. Sie reinigte den Filter. Dann setzte sie sich an den Küchentisch und schrieb einen Brief. Nicht an Hannah. An den Kleingartenverein. Sie fragte, ob sie die Parzelle weiter nutzen und im Sommer die Äpfel an eine Kindergartengruppe spenden dürfe. Sie schickte den Brief noch am selben Tag ab. Ohne Einschreiben. Nur mit einer Briefmarke, die sie vom Postschalter kaufte. Die Marke klebte sie schief auf, der Wellensittich auf dem Motiv war etwas verrutscht. Sie drückte sie fest.

Im Brief steckte ein kleines Blatt Papier mit einem Rezept. „Zwetschgenmus ohne Zucker“, stand in Barbaras Handschrift. „Für Hannah. Falls sie es einmal selber machen möchte.“ Sie hatte es aus einem alten Notizbuch gerissen, die Ränder waren gezackt.

Sie wusste, dass Hannah nicht anrufen würde, wenn sie das Rezept bekam. Aber sie würde es vielleicht auf den Kühlschrank hängen. Mit dem Magneten, der schon einmal das Rezept für den Nusskuchen gehalten hatte. Der Magnet war grün und hatte die Form eines Frosches. Hannah hatte ihn mit sechs Jahren im Urlaub an der Ostsee bekommen.

Als der Winter kam, schneite es früh. Der erste Schnee fiel auf die Apfelbäume in der Flora. Die Bäume waren geschnitten. Barbara hatte einen Obstbauer aus dem Dorf gefragt, ob er helfen würde. Er war gekommen, an einem Samstagmorgen, mit einer Leiter und einer Säge. Sie hatte Kaffee gemacht und Brote geschmiert. Die Säge hatte gesungen. Danach standen die Bäume kahl und offen da, als hätten sie Platz für etwas Neues.

Hannah rief im Dezember an. Es war ein Mittwoch. Sie wollte fragen, ob sie Silvester kommen dürfe. Mit Torben. Barbara erlaubte sich einen Moment des Zögerns. Dann sagte sie: „Nur wenn ihr die Linsensuppe esst.“ Hannah lachte. Es klang hell. „Mama, deine Linsensuppe ist das Beste.“ Mehr wurde nicht gesagt. Das genügte.

Silvester aßen sie zu viert. Barbara, Hannah, Torben und die Nachbarin Frau Seidel, die sonst allein gewesen wäre. Torben wollte helfen, die Teller abzuräumen. Er ließ einen Löffel fallen. Auf den Boden. Er hob ihn auf und sagte: „Ich hab Ihren Schrank in der Ecke gesehen. Der müsste mal geölt werden. Ich mach das, wenn ich wiederkomme.“ Er meinte es so. Barbara wusste es in diesem Moment, weil er nicht lächelte dabei. Er schaute den Schrank an, als hätte er ein Problem entdeckt, das er lösen konnte. Sie spürte, wie sich etwas in ihrem Brustkorb lockerte, wie ein Fenster, das man einen Spalt breit aufmacht, weil die Luft zu dick wird.

Sie stand am Fenster und schaute auf die verschneiten Dächer von Erfurt. Das Feuerwerk am Himmel zischte und knallte. Sie hielt eine Tasse Punsch in den Händen. Die Tasse war warm. Auf dem Tisch lag der Überweisungsbeleg der Stadt. 18.000 Euro, Eingang am 28. November. Daneben lag ein Brief von der Kindergartengruppe, die sich für die Äpfel bedankt hatte. Die Erzieherin schrieb: „Die Kinder haben Apfelmus gekocht. Wir bitten um das Rezept.“ Barbara hatte es noch am selben Abend aufgeschrieben. Diesmal mit Füller. Nicht mit Bleistift.

Im Januar, an einem Dienstag, als der Schnee weggetaut war und die Straßen glänzten, fuhr sie zur Bank. Sie überwies 9.000 Euro an Hannah. Als Verwendungszweck gab sie nur das Wort „Für später“ ein. Sie überwies 9.000 Euro an den Kleingartenverein. Für die Sanierung des Spielplatzes. Den Zahlungsbeleg legte sie in die Schublade, vorne, zu den Gummibändern und der Nagelschere. Sie schloss die Schublade. Der Holzknauf war rund und glatt von den Jahren.

Am Abend telefonierte sie mit Hannah. Sie erzählte von der Überweisung. Hannah begann zu weinen. Barbara hörte es an der Art, wie ihre Tochter atmete. Es war kein Schluchzen. Es war wie ein langer Regen, der auf ein Blechdach fällt. Sie sagte nicht: „Wein nicht.“ Sie wartete. Sie wusste, dass der Regen irgendwann leiser wurde.

„Ich habe die Rechnung für die Heizung bezahlt“, sagte Hannah. „Nach der Stornierung war es weniger. 860. Ich hab’s von deinen 150 plus Weihnachtsgeld genommen.“ Sie lachte kurz. „Jetzt hab ich ein Loch im Konto, aber die Wohnung ist warm. Torben hat gesagt, wir machen eine Heizkostenpauschale, damit es nicht wieder so überrascht. Ich weiß nicht, ob er das ernst meint.“

Barbara hörte das Wasser in Hannahs Küche laufen. Sie hörte das Klappern eines Topfes. Ein leises Menschenstimmen-Gemurmel im Hintergrund. Torben war da. Er spülte. Barbara schloss die Augen. Dann sagte sie: „Ich habe dem Verein geschrieben. Dass ich die Äpfel weiter abgeben will. Die haben zugesagt. Im März muss ich die Bäume schneiden. Vielleicht kommst du dann. Oder Torben. Er hat doch von dem Schrank gesprochen.“

„Ich frag ihn“, sagte Hannah. „Vielleicht. Mal sehen.“ Dann, wie ein nachträglicher Einfall: „Mama, du musst nicht immer fragen. Du kannst auch einfach sagen, dass du willst, dass ich komme.“

Barbara dachte an den gelben Postschein. An das ungeöffnete Kuvert. An das kleine Papier mit dem Rezept, das schief im Briefumschlag gelegen hatte. Sie dachte an die 1.100 Euro, die Hannah fast bezahlt hätte. Sie dachte an den Satz „Ich will kein Erbe, solange du lebst.“ Sie drehte den Wasserhahn zu. „Ich will, dass du im März kommst“, sagte sie. „Und einen Ast vom alten Boskop mitnimmst. Der blüht im April. Den stellst du in die Vase. In deine Küche. Der riecht so gut, dass dir der Tee kalt wird.“

„Ich komm“, sagte Hannah. Und legte auf.

Barbara stand in der Küche. Der Bungalow in der Flora hatte jetzt einen Nutzungsvertrag, eine neue Türklinke und ein Dach, das nicht tropfte. Sie würde im März kommen, die Bäume schneiden. Sie würde Hannah anrufen, wenn die Äpfel reif waren. Sie würde keinen Brief mehr schicken. Sie würde einfach dort stehen, an der Tür, mit einem Glas Zwetschgenmus, und fragen: „Willst du?“ Und sie würde die Antwort abwarten. So einfach war das. Nicht immer. Aber heute.

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Die Frau mit dem gelben Schein