Das Ferienhaus am Chiemsee

Ich war vierundzwanzig, als ich Bernd heiratete, und arbeitete als Sachbearbeiterin bei einer Steuerkanzlei in Rosenheim. Die Kolleginnen, das eigene Gehalt, die Mittagspause am Marienplatz mit einer Breze in der Hand – ich mochte dieses Leben. Dann kam unsere Tochter Sabine. Zwei Jahre später die Zwillinge, Jan und Timo. Der Kindergartenplatz für drei Kinder kostete fast so viel wie mein Nettolohn. Also sagte Bernd: „Bleib erstmal zuhause, wenn die Kleinen in die Schule kommen, gehst du wieder arbeiten." Ich bin nie zurückgegangen.

Als die Kinder eingeschult wurden, stürzte meine Schwiegermutter Ruth in ihrer Wohnung in Prien. Sie lebte allein, brauchte Hilfe beim Duschen, beim Kochen, bei den Arztterminen. Bernd hatte lange Schichten in der Fabrik, seine Schwestern wohnten in Hamburg und Stuttgart. Also übernahm ich das. Jeden Morgen die Kinder zur Schule, dann der Bus nach Prien. Linsensuppe kochen, die Tabletten sortieren, die Wohnung putzen, mit ihr zum Hausarzt. Nachmittags zurück, Hausaufgaben, Wäsche, Abendessen. Vierzehn Jahre lang. Ich bereue es nicht – Ruth war eine schwierige Frau, aber am Ende auch dankbar. Das Problem war etwas anderes: Alle hatten sich daran gewöhnt, dass ich einfach da war. Bernd erzählte gern, er ernähre mit seinem Gehalt fünf Leute. Dass er das nur konnte, weil ich den Rest am Laufen hielt, erwähnte er nie.

Als wir beide einundsiebzig wurden und Bernd in Rente ging, setzten wir uns an den Küchentisch und gingen die Finanzen durch. Die Wohnung war abbezahlt, es gab etwas Erspartes und ein kleines Ferienhaus am Chiemsee, das wir vor fünfundzwanzig Jahren gekauft hatten. Ich schlug vor, es zu verkaufen – wir konnten es kaum noch instand halten. Mit dem Geld wollte ich das Bad barrierefrei umbauen lassen und den Rest zurücklegen, falls einer von uns pflegebedürftig wird. Bernd lehnte ab. „Das Haus habe ich bezahlt." Ich erinnerte ihn daran, dass wir in Zugewinngemeinschaft verheiratet waren, dass alles während der Ehe erworben worden war. Dann sagte er einen Satz, den ich nicht vergesse: „Verwechsle da nichts, Amalie. Das Geld habe ich verdient. Du hast nie etwas beigetragen."

Ich saß da, die Sparbücher zwischen uns auf dem Wachstuch ausgebreitet, draußen fuhr die Buslinie 9527 vorbei, wie jeden Nachmittag um Viertel nach vier. Siebenundvierzig Jahre hatte ich gekocht, geputzt, drei Kinder großgezogen, seine Mutter gepflegt. Nebenbei nähte ich Änderungen für die Nachbarinnen und verkaufte auf dem Weihnachtsmarkt selbstgemachte Plätzchen – das Geld ging in Schulranzen, Medikamente, den Wocheneinkauf bei Edeka. Ich fragte ihn, was eine Pflegekraft vierzehn Jahre lang gekostet hätte. Was eine Haushaltshilfe, eine Köchin, eine Tagesmutter für drei Kinder gekostet hätten. Bernd sagte, das könne man nicht vergleichen. „Du warst seine Schwiegertochter und meine Frau. Das war deine Aufgabe."

In dieser Nacht schlief ich im Kinderzimmer, in Timos altem Bett unter dem verblichenen Bayern-München-Poster. Am nächsten Morgen rief ich eine Anwältin in Rosenheim an. Scheiden wollte ich mich nicht unbedingt – ich wollte wissen, welche Rechte ich hatte. Ich brachte den Grundbuchauszug mit, die Kontoauszüge, alle Unterlagen. Die Anwältin erklärte mir, dass das Haus und die Ersparnisse nicht allein Bernd gehörten, sondern rechtlich gemeinsames Vermögen waren. Als ich es Bernd erzählte, wurde er wütend. Ich würde ihm misstrauen, ihm wegnehmen wollen, was er sich erarbeitet habe.

Die Kinder erfuhren davon beim Sonntagsessen. Bernd wiederholte vor ihnen, er habe alles bezahlt. Sabine fragte, wer bei ihr gesessen habe, als sie mit vierzig Grad Fieber im Bett lag, während er auf Montage in Wolfsburg war. Jan erinnerte sich, dass ich meine wenigen Goldringe verkauft hatte, um den Opel reparieren zu lassen. Timo fragte, wer die Oma vierzehn Jahre lang gepflegt habe. Bernd schwieg. Er blieb noch am Tisch sitzen, drehte sein Bierglas, sagte nichts mehr.

Er änderte seine Meinung nicht sofort. Wochenlang sprachen wir kaum. Sein ganzes Selbstbild hing daran, der Versorger zu sein – meinen Beitrag anzuerkennen fühlte sich für ihn an wie ein Verlust. Irgendwann willigte er ein, mit mir zu einem Finanzberater in die Stadt zu fahren. Wir ordneten die Konten, setzten beide Namen auf alle Dokumente, vereinbarten, dass kein Eigentum ohne gemeinsame Entscheidung verkauft wird. Ich eröffnete außerdem ein eigenes Konto. Vierhundert Euro gingen jetzt monatlich darauf, dazu im Frühjahr die Hälfte vom Verkaufserlös des Ferienhauses, das wir schließlich doch verkauften: hundertzwanzigtausend Euro, sechzigtausend auf mein Konto.

Ein paar Wochen später stellte Bernd einen alten Schuhkarton auf den Tisch, voller Quittungen. Rezepte für Ruths Medikamente, meine handgeschriebenen Notizen über ihre Tablettenzeiten, vergilbt. Er blätterte lange darin, ohne etwas zu sagen. Dann: „Ich weiß nicht, wie du das alles geschafft hast." Keine perfekte Entschuldigung. Aber das erste Mal, dass er meine Arbeit überhaupt beim Namen nannte.

Heute bin ich dreiundsiebzig. Wir sind noch zusammen, auch wenn sich zwischen uns etwas verschoben hat. Letzte Woche packte ich meinen Koffer für Salzburg, drei Tage mit Sabine und einer alten Freundin, das Zugticket schon auf dem eigenen Konto abgebucht. Auf dem Küchentisch lag noch das Kleid, das ich mir gekauft hatte, das Preisschild noch dran, dreiundvierzig Euro, reduziert. Bernd betrachtete es kurz, sagte nichts dazu, stellte nur zwei Tassen Kaffee auf den Tisch – eine vor mich, eine vor sich selbst.

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