Laura hätte an diesem Tag eigentlich gar nicht nach Hause kommen sollen. Sie war längst im Büro, als ihr einfiel, dass der Notarvertrag für die kleine Konditorei noch in ihrer Nachttischschublade lag. Ohne die beglaubigte Kopie würde der Verkäufer die Anzahlung von siebenundvierzigtausend Euro heute Nachmittag nicht akzeptieren. Sie fluchte leise, schnappte sich ihren Mantel und rief ihrem Chef zu, dass sie in einer Stunde zurück sei. Es war halb elf an einem grauen Novembermorgen, die S-Bahn war leer, und Laura kam schneller voran als erwartet.
Die Wohnungstür in Charlottenburg ließ sich fast geräuschlos öffnen. Laura zog die Stiefel nicht aus, sie wollte nur den Umschlag holen und sofort wieder los. Doch dann hörte sie Stimmen aus der Küche. Eine Frauenstimme, schneidend und hart, die ganz offensichtlich nicht zu ihrer Nachbarin gehörte.
„…und dann nimmst du endlich deine Sachen und verschwindest, bevor deine kleine Laura wieder antanzt. Ich hab die Nase voll von diesem Versteckspiel, Thomas. Heute läuft die Frist ab.“
Laura stand wie angewurzelt im Flur. Ihr Magen zog sich zu einem eiskalten Knoten zusammen. Thomas. Ihr Mann. Mit einer anderen Frau in ihrer Küche, und die Frau redete von Sachen packen und verschwinden.
„Lass uns das in Ruhe besprechen, nicht jetzt“, hörte sie Thomas sagen. Seine Stimme klang gepresst, fast flehend. „Sie hat keinen blassen Schimmer. Gib mir noch zwei Tage, dann ist das Geld auf dem Geschäftskonto, und ich kann dir wenigstens eine erste Rate überweisen.“
„Zwei Tage? Thomas, ich warne dich. Entweder du bringst mir die hundertfünfzigtausend bis Ende der Woche, oder ich marschiere direkt zu ihrem Chef und erzähle der Dame ein paar unschöne Wahrheiten über deine Vergangenheit. Dann könnt ihr euren kleinen Pralinenladen vergessen, bevor der erste Kunde einen Fuß reingesetzt hat. Ich habe genug Material gegen dich in der Hand, das weißt du genau. Deine süße Laura wird Augen machen, wenn sie erfährt, mit wem sie wirklich verheiratet ist.“
Lauralegte die Hand auf den Mund. Hundertfünfzigtausend Euro. Das war fast exakt die Summe, die sie und Thomas in den letzten vier Jahren zusammengespart hatten, für die eigene Konditorei in der Wilmersdorfer Straße. Jeder Cent war auf ein gemeinsames Konto geflossen, auf das offiziell nur Thomas Zugriff hatte, weil er der Hauptantragsteller bei der Bank gewesen war. Sie hatten auf den Philippinen auf Flitterwochen verzichtet, sie hatten drei Jahre lang jedes Wochenende selbst renoviert, statt essen zu gehen. Alles für diesen einen Traum. Und jetzt stand da eine fremde Frau und forderte das gesamte Geld, als ob es ihr gehörte.
Laura schaffte es nicht, die Küchentür aufzustoßen. Sie war nicht der Typ für große Auftritte. Stattdessen griff sie mit zitternden Fingern nach dem braunen Umschlag auf der Kommode und zog die Wohnungstür wieder zu, leise, fast ohne Klicken. Im Treppenhaus lehnte sie sich an die kalte Wand und atmete flach und schnell. Die erste Welle der Panik machte einer bitteren, lähmenden Wut Platz. Thomas hatte eine andere. Und diese andere war nicht einfach eine Geliebte, die Romantik suchte – die wollte Blut sehen, in bar und in großen Scheinen.
Sie fuhr nicht ins Büro. Sie stieg in die U-Bahn Richtung Prenzlauer Berg, zu ihrer Schwester.
Katharina öffnete die Tür mit ihrer kleinsten Tochter auf dem Arm. Ein Blick auf Lauras Gesicht genügte, und sie reichte das Kind wortlos an ihren Mann weiter, der im Wohnzimmer mit Bauklötzen saß. Sie zog Laura in die Küche und machte die Tür zu.
„Was ist passiert? Du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hast, Laura. Hattet ihr einen Unfall?“
Laura schüttelte den Kopf. Sie setzte sich, verschränkte die Arme vor der Brust und erzählte, was sie gehört hatte. Von der fremden Frau, der Geldforderung, der Drohung mit alten Geschichten aus seiner Vergangenheit. Von den hundertfünfzigtausend Euro, die exakt ihrer Ersparnis für den Laden entsprachen.
Katharina hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als Laura fertig war, stand sie auf, nahm den Wasserkocher und goss zwei Tassen von dem Früchtetee auf, den sie immer für Notfälle im Schrank hatte.
„Okay. Erstens: Thomas ist ein Idiot, wenn er glaubt, so etwas vor dir geheim halten zu können. Zweitens: Wer ist die Frau? Hast du ihre Stimme erkannt?“
Laura rieb sich die Schläfen. „Nein, ich hab keine Ahnung. Sie klang nicht jung, so Mitte vierzig vielleicht. Sehr abgebrüht. Sie redete, als hätte sie ihn völlig in der Hand.“
„Hat er eine Kollegin, mit der er viel zu tun hat?“
„Er arbeitet doch fast nur mit Männern in der Tischlerei. Die einzige Frau im Büro ist die Buchhalterin, und die ist sechsundsechzig und fährt einen himmelblauen Twingo. Das war sie definitiv nicht.“
Katharina trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Was ist mit seiner Vergangenheit? Diese Frau sagte doch, sie würde unschöne Wahrheiten über ihn kennen. Laura, überleg mal. Gibt es jemanden, den er vor dir verschwiegen hat? Eine Ex-Freundin, die sauer auf ihn ist? Irgendwas?“
Laura starrte in ihren Tee. Dann wurde ihr mit einem Schlag heiß und kalt zugleich.
„Melissa. Seine Ex-Verlobte, vor sechs Jahren. Die hat er damals verlassen, weil sie ihn mit dem gemeinsamen Immobilienkredit betrogen hat. Er hat sie danach nie wieder erwähnt. Ich dachte immer, die wohnt irgendwo in München und hat ihr eigenes Leben.“
Katharina zog bereits ihr Smartphone aus der Hosentasche. „Melissa mit Nachnamen? Sag mir den Nachnamen, und ich lass meine Freundin Tine vom Inkasso-Team die Adresse raussuchen. Wenn die Frau Thomas erpresst, finden wir das schneller raus, als er ‚Entschuldigung‘ sagen kann. Und dann reden wir mit ihr. Nicht er, sondern du und ich. Die merkt gar nicht, wie ihr geschieht.“
Laura wollte gerade antworten, da klingelte ihr Handy. Auf dem Display erschien Thomas‘ Foto.
„Geh ran“, sagte Katharina leise. „Lass dir nichts anmerken. Finde heraus, wo der Vertragstermin heute ist. Spiel mit, solange du musst. Wir klären das parallel.“
Laura nahm das Gespräch an. Ihre Stimme zitterte kaum.
„Thomas?“
„Laura, wo steckst du denn? Der Notar wartet, wir haben den Termin um zwölf, hast du den Umschlag mit der Kopie?“
„Ja, hab ich. Bin auf dem Weg. In zwanzig Minuten bin ich in der Kanzlei, bis gleich.“
Sie legte auf und sah ihre Schwester an. „Ich muss da jetzt hin und diesen Vertrag unterschreiben. Wenn die Anzahlung an den Verkäufer geht, ist das Geld wenigstens erstmal vom Konto runter. Dann kann diese Frau es nicht so einfach abgreifen, falls wirklich sie es auf Thomas abgesehen hat.“
Katharina nickte. „Fahr hin. Aber wir treffen uns heute Abend, und zwar bevor du mit Thomas redest. Ich ruf in der Zwischenzeit Tine an. Und Laura?“, sie hielt ihre Hand fest. „Lass dich nicht unterkriegen. Wir kriegen raus, was hier gespielt wird, und dann bügeln wir das aus. Die hat sich den falschen Mann ausgesucht, um sich an unserer Familie zu vergreifen. Dein Geld kriegt die nicht. Nicht einen einzigen Cent. Versprochen. Fahr jetzt. Ich bleib dran, wir sehen uns um sechs bei dir um die Ecke im Café Liebling. Da ist es ruhig, und es zieht keine Nachbarn, die mithören. Bis um sechs. Fahr vorsichtig. Und Laura? Wenn sie wirklich nur hinter dem Geld her ist, dann ist sie eine Betrügerin, und Betrüger haben immer eine Schwachstelle. Wir werden ihre finden, und dann werden wir sie ihr so tief reinbohren, dass sie es nie wieder wagt, auch nur in unsere Straße zu kommen. Jetzt geh. Und zeig ihm nicht, dass du was weißt. Kein Wort. Kein Blick. Einfach Vertrag unterschreiben und lächeln. Wir holen uns dein Leben zurück. Los jetzt.“Bei der Notarkanzlei in der Kantstraße erwartete Thomas sie bereits. Er stand im Nieselregen, die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben, und lächelte ihr entgegen, als sie aus dem Taxi stieg. Dieses Lächeln, das sie sonst so geliebt hatte, kam ihr heute vor wie eine Maske.
„Da bist du ja endlich“, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich dachte schon, der Verkehr hätte dich aufgehalten. Hast du den Umschlag?“
Laura hielt ihn hoch, ohne etwas zu erwidern. Sie gingen zusammen hinein, setzten sich in die holzgetäfelte Kanzlei und unterschrieben Seite um Seite. Der Notar erklärte jeden Paragrafen mit monotoner Stimme, während Laura kaum zuhörte. Sie dachte an die Frau in ihrer Küche, an die hundertfünfzigtausend Euro, an das Wort „Material“. Was hatte Thomas in seiner Vergangenheit zu verbergen, das so gefährlich war, dass er bereit schien, ihren gesamten Traum dafür zu opfern?
Nach der Unterzeichnung entschuldigte sich Thomas mit einem angeblichen Kundenauftrag in der Werkstatt. Laura nickte nur. Um Punkt sechs saß sie im Café Liebling, einem winzigen Laden mit verbeulten Messingtischen und einer Barista, die nie fragte, warum man um diese Zeit schon so erschöpft aussah.
Katharina kam mit einer dicken Aktenmappe unter dem Arm. Hinter ihr lief eine Frau mit raspelkurzen grauen Haaren und einem Gesichtsausdruck, der keine Widerworte duldete.
„Das ist Tine“, sagte Katharina. „Sie war fünfzehn Jahre lang Wirtschaftsdetektivin bei einer großen Kanzlei. Sie hat in den letzten drei Stunden mehr über deinen Mann herausgefunden, als du in zehn Jahren Ehe erfahren hast. Setz dich, Laura. Das hier wird ein langer Abend. Und bestell dir einen doppelten Espresso. Du wirst ihn brauchen. Tine hat die Akte von Melissa Klein auf dem Handy. Sie hat vor zwei Jahren Insolvenz angemeldet und sitzt jetzt in Kreuzberg in einer Einzimmerwohnung. Woher sie von eurer Konditorei weiß, ist noch unklar, aber wir vermuten, sie hat eure Bauanzeige im Bezirksblatt gesehen und sich zusammengereimt, dass ihr Kapital haben müsst. Die Frau ist verzweifelt und gefährlich. Sie hat schon einmal versucht, einen Geschäftsmann in Potsdam mit erfundenen Schulden unter Druck zu setzen. Der Fall wurde damals fallen gelassen, weil der Mann keine Anzeige erstattet hat, aus Angst vor Imageverlust. Genau darauf spekuliert sie auch bei euch. Sie denkt, Thomas wird zahlen, anstatt sich die Blöße zu geben. Aber sie hat sich geirrt. Du und ich, wir machen ihr jetzt die Rechnung auf. Und zwar so, dass sie nie wieder auf die Idee kommt, sich an einem Familienbetrieb zu vergreifen. Bist du bereit, Laura? Denn wenn wir das durchziehen, wird dein Mann davon erfahren. Aber er wird es von dir erfahren. Nicht von ihr. Und er wird verstehen, dass du ihn gerettet hast. Das ist der Unterschied zwischen einer Erpressung und einer Ehe. Die eine zerstört, die andere hält stand. Also, was sagst du? Machen wir Melissa Klein Feuer unterm Hintern, oder lassen wir ihr den Spaß?“







