Markus stellte die Transportbox so vorsichtig ab, wie man einen Karton mit rohen Eiern abstellt. Krümel rutschte trotzdem gegen die Plastikwand. Ein dumpfer Schlag, mehr nicht. Der Kater presste sich in die hinterste Ecke und schloss die Augen, als könnte er das ganze Gleis 2 damit wegtarnen.
Fünf Jahre lang war der alte Kater nur für den Tierarzt aus der Wohnung gekommen. Die Praxis lag im Hinterhof, nicht mal hundert Meter. Jetzt roch die Bahnhofshalle nach nassen Mänteln und dem Kaffeeautomaten neben Gleis 1. Markus kaufte einen Becher für zwei achtzig, dünn und bitter, und blieb damit neben der Box stehen. Der Pappbecher wärmte seine Finger, während draußen der Novemberregen gegen die Glasfront klatschte. Auf dem Handy kein einziger neuer Eintrag. Kein „Komm zurück“. Kein „Du fehlst mir“. Nur der stumme Chatverlauf mit Julia, der aussah wie ein leeres Blatt, auf dem früher mal ein ganzer Roman stand.
Am Morgen hatte sich der Abschied fast banal angefühlt. Julia stand in der Küche, den Rücken an die Arbeitsplatte gelehnt, eine Tasse kalten Fencheltee in den Händen. Sie trug seinen alten grauen Fleecepullover, den sie ihm vor drei Wintern geklaut hatte. Die Ärmel reichten bis über die Finger, nur die Spitzen schauten raus. Der Toaster hatte wieder gemuckt, es roch leicht angebrannt, obwohl das Fenster einen Spalt offen stand. Markus räumte seine Reisetasche: Ladegerät, Rasierer, zwei Hemden, den abgegriffenen Pass vom letzten Urlaub.
„Willst du ihn wirklich mitnehmen?“, fragte Julia leise, ohne aufzublicken.
„Es ist mein Kater.“ Markus schob den Reisverschluss zu. Seine Stimme klang sachlicher, als er sich fühlte.
„Unser Kater“, sagte sie. Kein Vorwurf. Bloß eine Feststellung.
Krümel saß neben der Tasche, ein getigerter Kater mit einem eingerissenen linken Ohr. Er sah abwechselnd zu Markus und zu Julia, dann rieb er seine Wange an der Tasche und blieb dort sitzen, als wolle er etwas sichern, das gerade wegrutschte.
„Er wird unterwegs leiden“, sagte Julia.
„Quatsch. Das übersteht er.“
Die Tasse Tee war längst kalt. Julia hielt sie trotzdem fest. Markus öffnete die Gittertür der Box und Krümel schnupperte misstrauisch. Er drehte sich noch einmal um, ließ den Blick über die Küchenzeile schweifen, über die alten Kiefernholzmöbel, den fleckigen Herd – und blieb an Julias Gesicht hängen. Dann stieg er langsam hinein. Das Schloss klickte. Das letzte Bild vor der Tür: ein verwaschener grauer Pullover und zwei schmale Hände um eine Tasse.
Jetzt, zwei Stunden später, kratzten Krümels Krallen über den Plastikboden der Box. Markus beugte sich runter. Der Kater lag flach, die Ohren angelegt. Er atmete schnell und flach. Neben ihnen rumpelte eine Gepäckkarre vorbei, Krümel zuckte zusammen. Markus schob einen Finger durch das Gitter. Die Nase des Katers war trocken und heiß. Zuhause hatte sie immer kühl an seiner Hand gelegen, wenn Krümel ihn begrüßte. Hier wich er zurück und machte sich noch kleiner.
Eine junge Frau mit Wanderrucksack setzte sich auf die Bank. „Umzug?“, fragte sie und lächelte Richtung Box. Markus nickte nur. Sie erzählte irgendwas von einer Zugfahrt nach Freiburg, aber er hörte kaum zu. Der Satz von Julia spulte wieder und wieder: Er wird leiden. Als hätte sie es längst gewusst.
Ein paar Meter weiter fütterte ein älterer Mann in grauer Jacke Tauben mit einem aufgeweichten Brötchen. Die Vögel drängten sich um seine Schuhe, eine setzte sich sogar auf sein Knie. Der Mann schien das nicht mal zu merken. Markus wandte den Blick ab. Die Durchsage für Gleis 3 riss einen unverständlichen Fetzen in die Luft. Sein Zug würde in zwanzig Minuten kommen.
Er öffnete den Chat mit Julia. Kein einziges Wort bisher. Seine Daumen lagen auf dem Display. Nicht um sich zu entschuldigen. Nicht um zu versprechen, zurückzukommen. Nur ein Satz, der erklären könnte, warum er das einzige Lebewesen mitnahm, das noch den Geruch ihrer gemeinsamen Küche im Fell trug. Kein Satz kam. Das Handy wurde schwarz.
Krümel miaute plötzlich. Ganz leise und dünn, als würde Luft aus einem alten Spielzeug entweichen. Markus legte die Hand auf die Box. Der Plastikdeckel war warm. Der Kater kam nicht näher.
Der Zug fuhr ein. Lange silberne Waggons, ein kurzer Pfiff, dann zischten die Türen auf. Markus hob die Box und ging langsam über den Bahnsteig. Der Wind zog feucht über den Asphalt. Es roch nach Metall und Diesel. Kurz vor dem Einstieg blieb er stehen. Er stellte die Box auf den Boden, öffnete die obere Klappe und legte die Hand hinein. Krümel drückte sich noch weiter in die Ecke, die Stirn gegen die Wand.
Fünf Jahre lang war Krümels Welt eine Altbauwohnung in Berlin-Moabit gewesen. Ein Fensterbrett zwischen Gardine und Basilikumtopf. Jede knarrende Diele kannte er, jedes Klicken des Türschlosses. Abends lag er auf Markus‘ Schoß und schnurrte so laut, dass der Fernseher auf Zimmerlautstärke gestellt werden musste. Dieses Schnurren war mehr wert als jedes Trostwort. Markus hatte es gestern Abend noch gehört, während er Mietanzeigen für Hamburg durchscrollte. Wärme. Gewicht. Das Gefühl, dass man irgendwo nicht ganz allein ist.
Jetzt zitterte derselbe Kater in einer Kiste und erkannte nicht mal mehr seine Hand.
Und dann, wie ein kurzer Schlag, kam der Gedanke: Ich nehme ihn nicht wegen ihm mit. Sondern weil ich nicht in einer leeren Wohnung ankommen will. Weil ich morgens jemanden brauche, der miaut, wenn der Wecker klingelt. Weil ich mir nicht eingestehen kann, dass ich diesen Weg freiwillig gewählt habe.
Markus zog die Hand zurück. Er richtete sich auf. Und sah Julia.
Sie stand zehn Meter entfernt, direkt unter der Uhr von Gleis 2. Das graue Fleecejäckchen hatte sie übergeworfen, die Haare waren nass vom Regen, auf der Wange eine nasse Spur. Sie keuchte, als wäre sie den ganzen Weg vom S-Bahnhof gerannt. Sie sagte nichts. Kein „Bleib“. Kein „Komm zurück“. Sie kam einfach näher.
Dann kniete sie sich neben die Box. Ganz langsam schob sie ihre Finger durch das Gitter.
Eine Sekunde. Noch eine. Krümel hob den Kopf. Er drehte sich um, das eingerissene Ohr zuckte. Sein Schwanz strich sacht an der Wand entlang. Dann stand er auf, schob sich durch die Box, und drückte seine Nase gegen Julias Fingerkuppen. Das Metallgitter bog sich ein winziges Stück. Der Kater begann zu schnurren, tief und gleichmäßig, als würde ein Knoten in seinem Inneren endlich aufgehen. Julia streichelte ihn durch die Maschen. Krümel drehte ihr sofort das kaputte Ohr hin – dasselbe Ohr, das Markus wochenlang gesalbt hatte, damals nach dem Revierkampf mit dem Nachbarskater.
Der Schaffner rief etwas von „Türen schließen in Kürze“. Markus sah auf Julias Finger. Auf den Kater, der sich nicht mehr versteckte. Auf die feuchte Nase, die gegen ihre Hand drückte.
„Nimm du ihn.“
Julia hob den Kopf. Sie sah direkt in sein Gesicht.
„Bist du sicher?“
„Ja. Ganz sicher.“
Er nahm die Reisetasche, drehte sich um und ging zum Waggon, ohne zurückzublicken. Denn er wusste: Ein einziger Blick zurück, und er würde sehen, dass sie nicht seinetwegen gekommen war. Der Schaffner scannte das Ticket, Markus stieg ein und suchte mit klammen Fingern das Abteil.
Der Zug roch nach Stoffpolstern und einem Reinigungsmittel, das ihn an Krankenhäuser erinnerte. Er verstaute die Tasche auf der oberen Ablage und setzte sich ans Fenster. Draußen war der Bahnsteig schon leer. Nur die Tauben liefen immer noch über den nassen Beton.
Der Zug ruckte an und nahm Fahrt auf. Markus griff mechanisch in die linke Jackentasche. Ganz unten, zwischen altem Einkaufszettel und einer halben Packung Kaugummi, spürte er etwas Kleines, Weiches: ein graues Fellbüschel.
Im Nachbarabteil telefonierte jemand. Zwei Worte drangen durch die dünne Wand.
„Vermisse dich…“
Der Bahnhof war verschwunden. Dann die Dächer. Dann die Bäume. Vorn dehnte sich ein großes, leeres Feld, so still und grau wie die Wohnung, in die er jetzt fuhr.







