Die Luft in der Hamburger Hafencity-Galerie war so dick, dass selbst die Kristalllüster schwer am Geruch von altem Geld und teurem Parfum zu tragen schienen. Im Zentrum des Marmorsaals, unter einem Bogen aus weißen Rosen, stand das Biest. Ein Rapphengst, schwarz wie frischer Asphalt, mit Muskeln, die unter dem Fell zuckten wie unter Starkstrom. Zwei Pferdepfleger hielten ihn an langen, ledernen Zügeln, ihre Knöchel weiß vor Anstrengung. Sein Name war Phantom, und er hatte an diesem Abend bereits drei Profis ins Krankenhaus befördert.
Auf der kleinen Bühne neben ihm hob Klaus von Hagen ein Champagnerglas. Er lächelte, dieses schmale Lächeln, das man von den Titelblättern kannte – der Mann, der Containerschiffe wie Spielzeugfiguren sammelte.
„Eine Million Euro“, sagte er, und das Mikrofon trug die Worte bis in den hintersten Winkel, wo die Kellner nervös die Tabletts balancierten. „Für den Mann oder die Frau, die diesen Hengst zwei Runden im Schritt führt. Ohne Sattel, ohne Peitsche. Nur mit Willen.“
Gelächter brandete auf, gierig und scharf. Eine Million. Dafür hätte mancher einen Bären geritten. Zwei Dutzend Meldungen gab es in den ersten Minuten. Der Besitzer eines Springstalls aus Schleswig-Holstein flog nach acht Sekunden in eine Feuerschale, die Gläser explodierten im hohen Bogen. Ein ehemaliger Olympiateilnehmer brach sich den Arm und grinste blutig, als man ihn wegtrug. Nach zwanzig Minuten wagte sich niemand mehr in die Nähe des Hengstes. Die Gäste tranken jetzt Sekt, als wäre nichts gewesen, und taten so, als hätten sie das Spektakel nur ironisch genossen.
Dann sprach eine Stimme, so leise, dass sie fast in der musikalischen Untermalung unterging.
„Ich mach’s.“
Dreihundert Köpfe drehten sich gleichzeitig. An der Tür zum Foyer, halb hinter einer Säule versteckt, stand ein Mädchen. Vielleicht zwölf. Ein verblichenes Jeanskleid von C&A und Turnschuhe, deren Sohlen sich an der Spitze lösten. Ihre Haare hatte sie zu einem schiefen Zopf gebunden, und sie knetete mit der linken Hand einen Stofffetzen, der früher mal eine Tasche gewesen war.
Das Gelächter schwoll an, diesmal härter, als hätte jemand auf einer Beerdigung einen Witz gerissen. Eine Frau mit Diamantcollier schnaufte durch die Nase und sagte zu ihrer Nachbarin, laut genug: „Wohltätigkeit ist ja schön und gut, aber die Kleine hat sich wohl im Stockwerk geirrt. Das hier ist nicht der Mädchenflohmarkt von St. Pauli.“
Klaus von Hagen stellte das Glas ab. Sein Gesicht wurde reglos, wie bei einem Pokerspieler, der eine falsche Karte auf der Hand entdeckt.
„Das Pferd ist kein Spielzeug.“
Das Mädchen antwortete nicht. Sie ging einfach los, mitten in die Arena aus Kerzenlicht und glotzenden Augen. Ein Sicherheitsmann in schlecht sitzendem Anzug trat ihr in den Weg – einer von der Sorte, die früher beim BND waren und jetzt für zwanzig Euro die Stunde den Türsteher machten –, doch von Hagen hob zwei Finger, ein winziges Signal, und der Mann wich zurück. „Chef, die ist doch keine zwölf–“ „Halt’s Maul, Dieter.“
Der Hengst warf den Kopf hoch. Seine Nüstern blähten sich, er stieg auf die Hinterhand und ließ die Vorderhufe durch die Luft schneiden, keine zwei Meter vor dem Kind. Jemand aus der ersten Reihe schrie auf. Sektgläser zersplitterten auf dem Marmor. Aber das Mädchen hielt nicht an, beschleunigte nicht mal, als wäre sie auf dem Weg zu einem apathischen Esel auf dem Kinderbauernhof.
Sie streckte die rechte Hand aus. Ganz langsam, mit der Innenfläche nach vorn, als wolle sie ein unsichtbares Hindernis durchdringen. Der Rappe senkte die Hufe und stand da, zitternd, die Ohren flach am Schädel. Dann berührte sie ihn. Nicht an der Nase, nicht am Hals. Sie legte die Hand auf seine Stirn, direkt auf die weiße Blesse, die wie ein umgedrehter Komet aussah.
Der Hengst seufzte. Richtig, der gesamte Brustkorb hob und senkte sich, ein Laut, so tief und gelöst, dass man ihn in den eigenen Rippen spürte. Dann ließ er den Kopf sinken, bis seine Nüstern an ihrer Schulter lagen und er ihren Geruch tief in sich aufnahm. Keiner der Gäste atmete. Die Cellomusik vom Band war längst verklungen. Es war jetzt zweiundzwanzig Uhr siebzehn, und die Stille war das Lauteste, was dieser Saal je gehört hatte.
Klaus von Hagen griff mit einer Hand nach dem Vorhang hinter sich, als bräuchte er Halt. Sein Jungengesicht, sonst so geglättet von Botox und Geld, war fahl geworden, grau wie Hafennebel. Er kannte diesen Hengst seit dem ersten Tag. Phantom war das Zuchtpferd seines Schwagers gewesen, bevor die Familie vor fünf Jahren in einer regennassen Kurve auf der A7 ausradiert worden war, als ein Tanklaster in ihren Wagen raste. Vater, Mutter, zwei Töchter. Der Vater hieß von Eschen, die Mutter war seine Schwester, eine geborene von Hagen. Von der kleinen Amélie hatte man nach dem Unfall nur noch Knochensplitter gefunden, die man keinem Kind zuordnen konnte. Akten geschlossen. Leben weitergelebt.
„Heinrich“, flüsterte jemand neben der Bühne, ein älterer Mann mit Reiterkrawatte, „die da, das ist doch–“ „Halt die Klappe“, zischte sein Nebenmann. „Das kann nicht sein. Die Kleine ist tot, steht in jeder Zeitung von damals. Die spinnt doch, die spinnt uns was vor–“
Von Hagens Blick fraß sich an dem Gesicht des Mädchens fest, an ihren Augen, moosgrün mit einem goldenen Spritzer rechts. Augen, die er kannte. Seine Schwester hatte genau diese Augen gehabt, und auf dem letzten Familienfoto, das er besaß – es lag in seinem Schreibtisch zuhause, unter der alten Taschenuhr –, da hatte auch die siebenjährige Amélie so in die Kamera geschaut.
„Amélie?“, flüsterte er, so leise, dass nicht einmal die Frau neben ihm es hörte.
Das Mädchen ließ die Hand von der Stirn des Hengstes sinken, ohne den Blick von dem Mann auf der Bühne zu nehmen. Und lächelte. Es war kein Kindheitslächeln. Es war wissend und alt und traurig, als hätte sie in den fünf Jahren alle Trauer der Welt in einem Dachboden zwischengespeichert.
Sie redete nicht. Sie kramte in der Stofftasche und zog ein ledergebundenes Notizbuch heraus. Mit rissigen Fingernägeln schlug sie eine Seite auf und hielt es hoch. Von Hagen erkannte sofort die geschwungene Handschrift seiner Schwester, obwohl er den Text aus drei Metern Entfernung kaum entziffern konnte. Nur ein Wort las er deutlich, weil es unterstrichen war: Phantom.
Das Mädchen senkte das Buch wieder und steckte es weg. Fünf Jahre lang hatte sie bei einer alten Tante in einem Kaff bei Lüneburg gelebt, einer Halbschwester der Mutter, die keiner auf dem Zettel hatte. Die Tante hatte ihr vor drei Monaten das Tagebuch der Mutter gegeben, zusammen mit einer verknitterten Einladung zu dieser Gala, ausgeschnitten aus dem Hamburger Abendblatt. „Fahr hin“, hatte die Tante gesagt. „Ich hab keinen Platz mehr im Kühlschrank und keinen Nerv mehr für deine Pferdesprüche.“
Von Hagens Knie gaben nach. Er rutschte an der Rückwand der Bühne herunter, der Champagnerkübel fiel um, die Eiswürfel klirrten, und er saß da wie ein nasser Lumpen, die teure Hose auf dem kalten Marmorboden. Kein Sicherheitsmann rührte sich. Kein Gast wagte zu gaffen, zu lachen, zu fragen.
Das Mädchen – Amélie von Eschen – schob das Notizbuch wieder in die Tasche. Dann nahm sie den losen Zügel, der über Phantoms Hals hing, und lief einfach los. In gemächlichem Schritt, der lange schwarze Hengst an ihrer Seite, als wäre er der brave Hund auf dem täglichen Spaziergang an der Elbe. Sie ging nicht zur Tür hinaus. Sie ging direkt auf von Hagen zu, der sich mit dem Ärmel die Augen wischte, und blieb vor ihm stehen. Ohne Vorwurf, ohne Tränen, nur dieser grün-goldene Blick.
„Mama hat gesagt, du hast Hausschuhe mit Hasenohren. Trägst du die immer noch?“
Ein Geräusch, halb Lachen, halb Schluchzen, entfuhr Klaus von Hagen. Dann zog er ein Paar dunkelgrauer Filzpuschen unter dem Stuhl hervor, die er sich hinter der Bühne angezogen hatte, weil die glänzenden Schuhe kneifen. Zwei Hasenohren baumelten von den Fersen.
Der Banker in der zweiten Reihe fing an zu applaudieren, aber so, wie man klatscht, wenn man nicht weiß, ob man weinen oder jubeln soll. Ein paar Sekunden später klatschte der ganze Saal, stehend, und der Hengst schnaubte leise und senkte erneut den Kopf, diesmal vor dem Mann auf dem Boden. Der Applaus brach ab, so plötzlich wie er angefangen hatte, weil niemand wusste, was jetzt kam. Die Frau mit dem Diamantcollier öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Der Sicherheitsmann namens Dieter nahm seine Mütze ab, was er seit seiner Bundeswehrzeit nicht mehr getan hatte.







