„Ich brauche einen sehr alten Hund“, sagte die Frau.

Lena blickte vom Anmeldebogen auf. Drei Jahre ehrenamtliche Arbeit im Hamburger Tierheim „Vier Pfoten“ hatten sie an viele seltsame Wünsche gewöhnt. Die Leute wollten Hunde, die nicht bellen, Katzen, die nicht kratzen, oder einen „pflegeleichten Welpen für die Oma, die kaum noch laufen kann“. Einmal verlangte ein Mann einen Hund mit schiefen Ohren, weil das auf Fotos so lustig aussehe. Aber so ein Satz war ihr noch nie untergekommen.

Die Frau stand an der Theke. Vielleicht Mitte sechzig, schlank, die grauen Haare mit einer Spange zurückgesteckt. Sie trug eine ausgeblichene Regenjacke, verwaschene Jeans und Turnschuhe, deren Sohlen sich am Rand lösten. In der Hand hielt sie eine abgewetzte Stofftasche, aus der eine zusammengerollte Leine ragte. Ihr Gesicht war ruhig, ohne besonderen Ausdruck, aber auch ohne Unsicherheit. So sieht jemand aus, der genau weiß, warum er hergekommen ist.

„Wie alt soll er denn sein?“, fragte Lena vorsichtig.

„So alt wie möglich. Zwölf, dreizehn, noch älter. Je älter, desto besser.“

„Einen Moment, ich hole Frau Dr. Brenner.“

Lena verschwand im Büro. Dr. Regina Brenner, die Leiterin des Tierheims, kippte gerade Trockenfutter in große Metallbehälter und fluchte leise, weil eine Maus den Sack angenagt hatte. Lena räusperte sich. „Da will jemand den allerältesten Hund, den wir haben.“

Frau Brenner stellte den Behälter ab und wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab. „Den ältesten?“

„Ja, sie meint, je älter, desto besser.“

„Bitte sie herein.“

Die Frau hieß Anna Wegner. Sie setzte sich auf den wackligen Besucherstuhl im Büro, stellte die Tasche auf den Boden und faltete die Hände im Schoß. Ihre Finger waren rau, die Knöchel gerötet, unter den Nägeln Spuren von Erde. Hände, die viel im Garten wühlen, dachte Regina, oder Tiere pflegen.

„Frau Wegner, Sie wissen, dass alte Hunde oft krank sind? Arthrose, Herzprobleme, die Tierarztkosten können erheblich sein. Spezialfutter, Medikamente, Inkontinenz. Das ist nichts, was man sich mal eben so nebenbei überlegt.“

„Ich weiß.“

„Hatten Sie schon mal einen Hund?“

„Mehrere.“ Die Frau schwieg kurz, dann sagte sie mit ruhiger Stimme: „Vor zwei Jahren habe ich den Schröder aus dem Tierheim in Lüneburg geholt. Damals war er zwölf, ein Schäferhundmischling mit schwerer Hüftdysplasie. Er sollte eingeschläfert werden, weil ihn keiner wollte. Schröder ist vor sechs Wochen gestorben. Er lag bei mir auf dem Sofa, auf einer Wolldecke, den Kopf auf meinem Knie.“ Sie stockte nicht, sie klang nicht pathetisch, eher wie jemand, der eine Arztakte zitiert. „Davor war es Frieda. Eine elfjährige Labradorhündin, blind, weil der Graue Star nie behandelt wurde. Sie blieb ein Jahr bei mir, bis ihr Herz versagte. Und vor Frieda hatte ich den Carlo, fünfzehn, ein kleiner Terrier, taub und mit einem Tumor an der Leber. Carlo hat noch vier Monate durchgehalten, jeden Tag in der Sonne auf dem Balkon gelegen.“

Dr. Brenner nahm die Brille ab. „Das heißt, Sie nehmen ganz bewusst alte Hunde auf?“

„Ja.“

„Darf ich fragen, warum?“

Anna Wegner sah sie an, direkt und ohne Ausflüchte. Ihre Augen waren hellgrau, fast farblos, aber wach. „Weil sie keiner mehr mitnimmt. Alle wollen Welpen, oder Junghunde, am besten stubenrein und gleich gehorchend. Ein alter Hund sitzt in seinem Zwinger, Monat um Monat, und versteht nicht, was er falsch gemacht hat. Er hat jahrelang jemandem die Füße gewärmt, sich an der Tür gefreut, auf Kommandos gehört. Und dann landet er hier, weil der Besitzer gestorben ist oder das Sofa nicht vollhaaren soll. Ich finde, diese Hunde haben ein Recht auf ein warmes Körbchen, bevor sie gehen. Und wenn es nur ein Jahr ist, dann soll es ein gutes Jahr sein.“

Im Büro war es still. Von draußen hörte man das gedämpfte Kläffen eines Hundes, der sich nicht beruhigen konnte.

„Kommen Sie mit“, sagte Frau Brenner und stand auf.

Die Zwinger lagen im hinteren Teil des Geländes, alte Backsteinbauten mit rostigen Gittertüren. Es roch nach Desinfektionsmittel und nassem Hundefell, und in einer Ecke tropfte unablässig ein Wasserhahn. Die meisten Hunde sprangen bellend an den Türen hoch. Ein junger Schäferhund warf sich so heftig gegen das Gitter, dass der Riegel klirrte. Anna Wegner ging ruhig weiter. Ihr Blick blieb nirgends hängen, wo ein Hund jünger als acht Jahre aussah.

Dr. Brenner blieb am letzten Zwinger stehen. „Das hier ist Alma. Dreizehn Jahre alt, eine Boxer-Schäferhund-Mischung. Der Vorbesitzer ist im Januar ins Pflegeheim gekommen, die Angehörigen sagten, sie hätten weder Zeit noch Platz. Sie haben sie einfach vor dem Tor angebunden, morgens um sechs, bei drei Grad minus. Ein Spaziergänger hat sie gefunden.“

Alma lag in der Ecke auf einer zerschlissenen Decke. Ein großer, knochiger Hund mit grauer Schnauze und trüben, traurigen Augen. Das Fell war stumpf, an den Ellbogen kahle Stellen. Als Anna in die Hocke ging und die Hand ans Gitter legte, hob Alma schwerfällig den Kopf. Ihr Schwanz zuckte einmal, ohne Kraft. Dann stemmte sie sich langsam hoch und tappte auf wackligen Hinterläufen zur Tür. Sie drückte die feuchte Nase durch die Stäbe und schnupperte an Annas Fingern. Der Atem ging flach, aber der Blick war klar und fragend.

„Alma hat Nierenprobleme und eine beginnende Herzschwäche“, sagte Frau Brenner leise. „Ohne Medikamente gäbe man ihr noch ein halbes Jahr. Mit strikter Behandlung vielleicht das Doppelte. Aber sie braucht jemanden, der morgens und abends Tabletten gibt und regelmäßig zum Tierarzt geht.“

Anna strich dem Hund über die Stirn, sacht, von der Nase bis zwischen die Ohren, wieder und wieder. Alma schloss die Augen und lehnte den Kopf ein wenig an das kalte Metall.

„Ich nehme sie“, sagte Anna.

Die Formalitäten dauerten zwanzig Minuten. Lena tippte die Daten ein und schaute immer wieder aus dem Fenster in den Hof, wo Anna auf einer Bank saß, Alma an der Leine. Der Hund hatte sich an ihr Bein gelehnt und hielt die Augen geschlossen, halb im Stehen schlafend. Seine Rute bewegte sich nun stetig, ein schweres, langsames Wedeln.

Lena druckte die Medikamentenübersicht aus und brachte sie nach draußen. „Frau Wegner, hier ist der Plan für Almas Medikamente. Die Nierentabletten bitte ins Futter mischen, morgens und abends. Das Herzmedikament auf nüchternen Magen. Und in zwei Wochen bitte zur Kontrolle bei unserem Tierarzt oder in einer Praxis in Ihrer Nähe.“

Anna faltete das Blatt sorgfältig und schob es in die Tasche. Sie legte Alma ein weiches, altes Lederhalsband um, das schon ganz geschmeidig war, und hakte die eigene Leine ein. Dann stand sie auf, Alma erhob sich ächzend, und die beiden gingen langsam durch das Tor. Der Hund schlurfte etwas schief, weil das linke Hinterbein nicht recht wollte, und Anna passte ihren Schritt an. Kurz vor der nächsten Straßenecke blieb sie stehen, beugte sich hinunter und flüsterte etwas, das Lena nicht verstehen konnte. Alma leckte ihr die Hand.

Einen Monat später bekam Dr. Brenner eine SMS von Anna Wegner. Ein Foto: Alma lag auf einem braunen Plaid, den Kopf auf einem abgewetzten Stoffkrebs mit nur noch einer Schere. Die Augen waren jetzt heller, wacher, fast übermütig. Dazu der Text: „Alma hat die erste Woche unter dem Esstisch geschlafen, weil sie sich nicht auf das Sofa traute. Jetzt kriege ich sie abends kaum noch runter. Sie liebt es, am rechten Ohr gekrault zu werden, das linke mag sie nicht, wahrscheinlich weh vom Liegen auf dem kalten Boden damals. Die Nierenwerte sind stabil, die Tierärztin ist zufrieden. Vielen Dank für alles.“

Regina lächelte und schickte ein Daumen-hoch-Emoji zurück. Dann griff sie nach dem Ordner mit den aktuellen Tieren, die schwer zu vermitteln waren. Ganz unten, mit Bleistift hinzugefügt, stand: „Herr Krüger, 14 Jahre, Mischlingsrüde, taub auf dem linken Ohr, abgegeben nach Tod der Halterin. Zeigt kein Interesse an Besuchern, frisst wenig.“ Sie tippte eine neue Nachricht: „Frau Wegner, bei uns ist ein alter Herr eingezogen. Herr Krüger, 14 Jahre alt, sehr ruhig. Wenn Sie bereit sind, melden Sie sich bitte.“ Die Antwort kam nach vier Minuten. Nicht nach Stunden, nicht nach einem Tag. Nach vier Minuten: „Komme Samstag um zehn. Werde einen Platz vorbereiten.“

Am Samstag betrat Anna Wegner pünktlich um zehn das Tierheim. Dieselbe Regenjacke, dieselben Turnschuhe, derselbe ruhige Gesichtsausdruck. Lena stand an der Theke. Sie hatte sich vorgenommen, nichts zu sagen, aber die Frage platzte doch aus ihr heraus: „Frau Wegner, tut es Ihnen nicht unendlich weh? Wenn sie dann gehen müssen? Sie gewöhnen sich an die Tiere, und dann…“ Sie brach ab.

Anna blieb stehen, drehte sich halb um und sah Lena mit diesem klaren Blick an. „Natürlich tut es weh. Jedes Mal. Aber als Schröder starb, lag er auf meinem Schoß, auf einer frischen Decke, und ich habe ihm die Ohren gestreichelt. Er war nicht allein in einem Zwinger, er ist in Ruhe gegangen. Ich leide danach tagelang, aber er hatte keine Angst. Ich mache das nicht für mich, Lena. Ich mache das, damit wenigstens ein paar von ihnen spüren, dass sie noch jemand liebt, bevor sie für immer einschlafen.“

Lena schluckte und hielt den Kopf gesenkt. Sie reichte das Übergabeformular und sagte, etwas belegt: „Herr Krüger wartet in Zwinger sieben. Er hat heute früh ein Stückchen Fleischwurst aus meiner Hand gefressen, das erste Mal seit Tagen, dass er von selbst Interesse zeigt. Vielleicht hat er schon geahnt, dass Sie kommen.“

Anna nickte und ging über den Hof. Der alte Hund lag wie erwartet ganz hinten im Zwinger, ein massiger schwarzer Rüde mit weißem Bart und einer Narbe über der Braue. Bei Annas Schritt hob er träge den Kopf. Sie holte eine kleine Scheibe Leberwurst aus der Tasche, wickelte sie aus dem Papier und schob sie durch das Gitter. Herr Krüger schnüffelte und nahm das Stück vorsichtig mit den weichen Lefzen auf. Dann erhob er sich mühsam, watschelte näher und drückte den schweren Kopf gegen Annas Hand, die noch immer am Gitter lag.

„Na, du alter Bär“, murmelte sie. „Dann fahren wir jetzt nach Hause.“

Lena sah vom Fenster aus zu, wie Anna Wegner den Rüden langsam zum Parkplatz führte und ihm in den Kofferraum ihres alten Kombis half. Der Hund ließ sich auf eine dicke Decke plumpsen und schloss zufrieden die Augen. Anna strich ihm ein letztes Mal über den Rücken, ehe sie die Klappe schloss und losfuhr. Lena blickte dem Wagen nach, bis er hinter der Kurve verschwand. Ein warmer Windzug wehte Regenwolken über das Gelände, und aus dem Zwingerbau hörte man ein vereinzeltes, leises Winseln. Aber in Lenas Ohren klang jetzt etwas anderes mit: die Gewissheit, dass dieses Winseln für einen von ihnen bald einen Namen bekommen würde.

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Sixty & Me
„Ich brauche einen sehr alten Hund“, sagte die Frau.