Die Bedienung warf mir das Wechselgeld hin: „Hier kommen nur Habenichtse rein“. Eine Woche später kam ich zurück – um das gesamte Café zu übernehmen.

Ein goldenes Fünfzig-Cent-Stück rollte in hohem Bogen über den Tresen und fiel mit einem hellen Klirren in die überquellende Kaffeetasse unter der Maschine. Das kochend heiße Getränk schwappte über den Rand und tröpfelte auf den fleckigen Marmor. Ich blinzelte überrascht, während der beißende Gestank von altem Kaffeesatz und saurer Milch mir in die Nase stieg. Die Bedienung, ein junges Mädchen mit zu vielen Piercings im Ohr und einem viel zu lauten Kaugummi, hatte das Geld nicht einmal in meine Richtung geschoben. Sie hatte es mir mit einer fast schon artistischen Arroganz vor die Füße geworfen.

„Die zwei Euro hätten Sie sich auch sparen können“, sagte sie, ohne den Blick von ihrem Handy zu heben. Ihre Wimpern, dick und schwarz wie Spinnenbeine, bewegten sich träge. Die Luft in dem kleinen Café in Hannovers List war stickig, gesättigt mit dem widerlichen, süßlichen Geruch von billigem Aroma und trotzigem Teenager-Schweiß. „Hier kommen echt nur Habenichtse rein. Wollen wahrscheinlich ’nen Tag lang an einem lauwarmen Milchkaffee nippen, weil das Wasserglas ja gratis ist, was?“

Sie musterte mich. Ihr Blick kroch wie ein Befund über meine alte, mit Farbsprenkeln übersäte Malerhose und die ausgewaschene Jacke. Ich hatte den ganzen Morgen in der Werkstatt meines Vaters verbracht. Der Geruch von frischer Ölfarbe und Terpentin hing in meinen Haaren, meine Fingernägel waren nicht ganz sauber. In dieser Hose hatte ich vier Jahre lang jeden Cent für meine Meisterprüfung zusammengekratzt, während ich parallel die kaputten Decken alter Villen im Zooviertel geschlossen habe.

„Entschuldigung“, sagte ich ruhig und deutete auf die Münze in der Tasse. „Könnten Sie mir bitte eine neue geben? Die hier ist jetzt voller Kaffee und vermutlich auch Kaugummiwasser.“

Die Bedienung lachte auf. Es war kein freundliches Lachen. Es war ein kalter, bellender Laut. „Haste doch noch selber reingeschmissen. Pech. Beschwer dich beim Chef. Ach, warte, der hockt ja nicht den ganzen Tag im Café rum wie gewisse Leute. Verpiss dich einfach, wenn’s dir nicht passt.“

Ich sagte nichts. Kein Wort. Ich bückte mich nicht, um die Münze herauszufischen. Ich stand nur da, während Laura – der Name stand auf einem goldenen Anstecker an ihrer Bluse, der schief hing – sich wieder ihrem Smartphone widmete und ein Video auf maximaler Lautstärke abspielte, ohne Rücksicht auf die drei anderen Gäste, die peinlich berührt in ihre Tassen starrten.

Hinter ihr war die offene Tür zur Küche zu sehen. Die Fritteuse blinkte wild vor sich hin, ein Fehler am Thermostat, wie ich von meinem früheren Job als Technikerin für Gastrogeräte wusste. Der Boden war mit zertretenen Pommes übersät. Auf der Edelstahl-Arbeitsfläche stand eine geöffnete Flasche billigen Rotweins. Es war Mittwoch, elf Uhr morgens. Ich warf einen letzten Blick auf die verdreckte Kuchenvitrine, auf die angetrockneten Flecken auf den Spiegeln und auf Lauras arrogantes Grinsen. Dann drehte ich mich um und ging.

Die Sonne blendete mich, als ich auf die Straße trat. Mein Herz schlug nicht vor Wut schneller. Mein Atem war ruhig. Ich fischte mein eigenes Handy aus der Tasche und scrollte zu einem Kontakt. *Klemens Wolf, Großgastronomie & Betriebe*. Der Anruf dauerte keine fünf Minuten. Klemens, ein alter Freund meines Vaters, war froh, das marode Objekt endlich loszuwerden. Er hatte den „Blauen Mohn“ vor zwei Jahren für seine Nichte Laura als sicheren Job gekauft. Eine Geldverbrennungsmaschine mit angeschlossener Familien-Abzocke. Der Deal war schneller abgeschlossen, als die Bank die Überweisung bestätigen konnte.

Die nächsten sieben Tage waren die Genugtuung in Raten. Ich kam jeden Tag, immer um eine andere Uhrzeit. Manchmal saß ich in der dunkelsten Ecke, eine Zeitung vor dem Gesicht, und beobachtete, wie Laura Lebensmittel unter dem Tresen in ihre Tasche stopfte, wie sie den Wein aus der Küche mit einem Freund teilte, der auf einem Roller vorbeikam, und wie sie die Tageseinnahmen in zwei verschiedenen Brieftaschen zählte – eine für die Kasse, eine für ihren BH. Ich sammelte Beweise, wo immer ich ging. Ein Foto von der offenen Weinflasche in der Küche. Ein Video, auf dem sie Bargeld einsteckte. Eine Überprüfung der Konditorei-Rechnungen, die den Einkauf von fünfzig Stück Torte zeigten, während die Vitrine aussah wie leergefegt.

Am achten Tag, einem Montag, war es so weit. Der Laden hatte offiziell Ruhetag. Die Jalousie war halb heruntergelassen. Ich trug einen schlichten, tadellos geschnittenen Blazer und eine schwarze Stoffhose. Meine Haare waren streng zurückgebunden. In meiner Hand hielt ich eine schwere Ledermappe mit dem über Nacht vom Notar beglaubigten Kaufvertrag.

Ich stieß die Glastür auf. Laura saß auf einem Hocker, die Füße auf einem Karton mit teurem Kaffee, und lackierte sich die Zehennägel. Die Türglocke bimmelte. Sie sah auf, erkannte mich, und ein Ausdruck von angewidertem Triumph erschien auf ihrem Gesicht.

„Oh, die Bettlerin ist wieder da. Heute gibt’s nichts zu holen, Schätzchen. Ruhetag. Oder willst du meinen alten Nagellack?“

Ich gab keine Antwort. Ich ging ohne Eile zur Theke, schob den Karton mit dem Kaffee zur Seite und legte die Mappe auf den fleckigen Marmor. Das Geräusch ließ sie zusammenzucken.

„Räum deine Füße von der Ware“, sagte ich leise. Jede Silbe saß wie ein Nadelstich. „Und hör zu. Es gibt ein kleines Problem mit deiner Anstellung hier, Laura. Ein Problem, das ungefähr achtzig Quadratmeter groß ist und jetzt in meinem Besitz ist. Du sitzt auf meinem Kaffee, du sitzt auf meinem Wein und du sitzt auf meinen Kuchenblechen. Sieh es ein. Du bist raus.“

Laura ließ die Nagellackflasche fallen. Sie zerbrach nicht, aber der pinke Lack spritzte in einem grotesken Muster über den Boden, als hätte jemand eine Arterie verletzt. Laura starrte erst die Pfütze an, dann mich. Sie schüttelte den Kopf, ein fassungsloses Kopfschütteln, das sich in ein hysterisches Kichern verwandelte. „Das… das ist nicht dein Ernst. Was für ein lächerlicher Rachefeldzug ist das denn? Weil ich dir ein bisschen Wechselgeld hingehalten habe? Bist du komplett irre?“

„Das ist kein Rachefeldzug“, erwiderte ich und schlug die Mappe auf. „Das ist eine Wirtschaftlichkeitsanalyse. Es ist eine Inventur. Und für dich ist es die fristlose Kündigung aus wichtigem Grund. Ich habe die Kassendifferenzen der letzten sechs Monate mit den Lieferscheinen abgeglichen. Fehlbestand bei Spirituosen und hochpreisigen Konditoreiwaren in Höhe von viereinhalbtausend Euro. Und ich habe deine Auftritte hier sieben Tage lang beobachtet. Ich würde sagen, wir machen jetzt eine Bestandsaufnahme. Wenn du Glück hast, rufe ich nicht sofort die Polizei, sondern erst, wenn du weg bist. Das hängt davon ab, wie schnell du deinen Müll aus meiner Personaltoilette entfernst und dieses Café nie wieder betrittst. Beweg dich jetzt. Und heb den Kaffee auf, den du vor einer Woche ruiniert hast. Ich trinke nämlich keinen mit Nagellack. Ich bin ja keine Habenichtse.“

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Sixty & Me
Die Bedienung warf mir das Wechselgeld hin: „Hier kommen nur Habenichtse rein“. Eine Woche später kam ich zurück – um das gesamte Café zu übernehmen.