Das Rauschen des Mittelmeeres war an diesem Morgen so laut, dass Elke die Stimme der Liegenwärterin erst beim dritten Mal verstand. Die Frau, eine hagere Erscheinung mit von der Sonne gegerbtem Gesicht, tippte ihr mit dem ausgestreckten Zeigefinger fast auf die Schulter.
„Signora, wenn Sie gehen, nehmen Sie gefälligst Ihre Sachen mit. Liegen blockieren ist bei uns nicht. Die Gäste warten.“
Elke bückte sich wortlos, griff nach ihrem in die Jahre gekommenen Strohhut und dem feuchten Handtuch, das sie über die Lehne der Liege gebreitet hatte. Der Stoff war von der salzhaltigen Brise schon ganz klamm und roch leicht modrig. Während sie zum Ausgang des Bagno „Alba Chiara“ ging, spürte sie, wie ihr der feine Sand unter den Sohlen der Flip-Flops knirschte. Die Uferpromenade von San Lorenzo al Mare war ein einziges Gewimmel aus kreischenden Möwen und noch lauter kreischenden Touristen, die sich um die letzten freien Plätze in den kleinen Trattorien stritten. Irgendwo plärrte ein Autoradio einen alten Schlager von Umberto Tozzi. Sie war für vierzehn Tage aus ihrem wohlgeordneten Leben in Osnabrück ausgebrochen, hatte ihr Erspartes zusammengekratzt, um endlich mal wieder das Meer zu sehen. Ruhe wollte sie. Einfach nur Ruhe vor dem Aktenstaub des Amtsgerichts, vor den immer gleichen Gesprächen im Pausenraum und vor dem penetranten Schweigen in ihrer leeren Wohnung. Aber bisher hatte sie vor allem eines bekommen: einen höllischen Sonnenbrand auf den Schultern und das Gefühl, in einem Ameisenhaufen gelandet zu sein.
Am späten Nachmittag, die drückende Hitze hatte sich etwas gelegt, bog sie in die enge Gasse ein, die zu ihrer kleinen Pension führte. Das Haus lag, eingezwängt zwischen zwei apricotfarbenen Wohngebäuden, etwas abseits vom Trubel. Vor der schweren Holztür, die mit unzähligen Farbschichten überzogen war, stand ein Mann. Er lehnte lässig an einem silbernen Alfa Romeo mit offenem Verdeck und rauchte. Das musste ein neuer Gast sein, dachte sie noch, denn das Auto hatte sie hier noch nie gesehen. Er trug eine teure Leinenhose und ein weißes Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren. An seinem Handgelenk blitzte eine schwere, goldene Uhr im letzten Sonnenlicht. Irgendetwas an der Haltung seiner Schultern, an der Art, wie er die Asche mit dem Daumen vom Filter schnippte, ließ Elke mitten im Schritt innehalten. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
Achtzehn Jahre. Achtzehn Jahre waren vergangen, seit sie dieses Profil zum letzten Mal gesehen hatte, damals in Göttingen, im Treppenhaus ihrer Studenten-WG. Es war das Profil eines Mannes, der wortlos seine Koffer gepackt hatte, zwei Wochen vor der standesamtlichen Trauung. Ein Mann, der nichts weiter hinterlassen hatte als eine leere Zahnbürstenhalterung im Bad und einen mit Bleistift gekritzelten Zettel auf dem Küchentisch: „Es geht nicht. Tut mir leid. Such nicht nach mir.“ Der Mann, den sie damals heiraten wollte, hieß Leonard. Und jetzt stand er hier, keine zehn Meter entfernt, mit grauen Schläfen und tieferen Falten um die Mundwinkel, aber unverkennbar derselbe. Er lächelte schmal, als er ihren starren Blick bemerkte.
Elkes Zimmer lag im zweiten Stock. Es roch nach Lavendel und dem süßlichen Aroma von Bohnerwachs. Die Möbel waren alt, schwer und dunkel, die Fensterläden hielt sie meist geschlossen, um die Hitze auszusperren. Sie saß auf der Kante des Bettes mit den kühlen, gestärkten Laken und starrte gegen die Wand. Der alte Deckenventilator rührte die stickige Luft mit einem monotonen Klackern um. Sie wollte doch einfach nur Ruhe. Und nun das. Ein Gespenst aus einer Zeit, in der sie einen anderen Menschen geliebt und nach seiner Flucht mühsam gelernt hatte, ihr Leben aus lauter dürren, haltgebenden Routinen neu zusammenzusetzen.
Das Klopfen an der Tür kam am selben Abend, kurz nach neun. Es war nicht das forsche Pochen der Vermieterin, sondern ein zögerliches, fast demütiges Klopfen.
„Elke? Ich bin es. Leonard.“ Seine Stimme war tiefer geworden, rauer. „Bitte, mach auf. Ich habe dich von der Signora gesehen und sie weiß, wo du wohnst. Ich musste einfach mit dir reden. Nach all den Jahren.“
Sie öffnete die Tür nur einen Spalt. Er stand im dämmrigen Flur und hielt eine Flasche Prosecco und eine weiße Papiertüte in der Hand. Aus der Tüte duftete es süß nach reifen Pfirsichen. Er sah sie an, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. Reue? Oder einfach die Genugtuung eines Jägers, der eine alte Fährte wiedergefunden hat?
„Was willst du, Leonard?“, fragte sie leise. Ihre Stimme klang fest, obwohl ihr Herz gegen die Rippen hämmerte.
„Nur reden. Lass mich dir erklären, was damals passiert ist. Ich… ich habe einen riesigen Fehler gemacht. Den größten meines Lebens.“ Er drückte die Tür sanft auf und trat ein, ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis abzuwarten. Er stellte die Flasche auf der alten Kommode ab und fuhr sich mit der Hand durch das immer noch volle, wenn auch ergraute Haar. „Weißt du, ich hatte damals enorme Schwierigkeiten. Geschäftliche. Die Art von Schwierigkeiten, bei der morgens zwielichtige Typen vor deiner Tür stehen und dir die Knochen brechen wollen. Ich war jung, dumm, und ich steckte bis zum Hals in Schulden. Ich dachte, ich schütze dich. Ich dachte, ich muss dich da raushalten, dich vor diesem Sumpf bewahren. Ich bin gegangen, weil ich dich geliebt habe, Elke. Glaubst du mir das?“
Sie lehnte mit dem Rücken am Fensterrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Das Holz war in der Abendsonne noch ganz warm. Sie musterte diesen Mann, der ihr einmal so viel bedeutet hatte und der nun ein Fremder mit vertrauten Zügen war. Sie sah die teuren Schuhe, das selbstbewusste Gehabe, das nicht mehr zu dem unsicheren Jungen von damals passte.
„Du hast mich geliebt? Indem du mich aus einer gemeinsamen Zukunft in ein tiefes, schwarzes Loch gestoßen hast? Zwei Wochen vor der Hochzeit? Ohne ein Wort, ohne einen Anruf?“ Ihre Frage war kein Hilfeschrei, sondern eine kühle, präzise Feststellung.
Draußen auf der Gasse lachte eine Frau gellend auf. Ein Motorroller knatterte vorbei und erfüllte den Raum kurz mit dem Gestank von verbranntem Zweitaktgemisch. Das Leben da draußen ging weiter, unbeeindruckt von diesem surrealen Wiedersehen.
„Damals gab es keine andere Lösung, versteh doch!“, sagte Leonard und trat einen Schritt näher. Er hob die Hand, als wolle er ihre Wange berühren, ließ sie dann aber wieder sinken. „Aber das ist alles vorbei. Ich habe mein Leben im Griff. Keine Schulden mehr, keine Gefahr. Ich habe eine florierende Spedition in Hannover aufgebaut, fahre einen Wagen, von dem andere nur träumen, habe eine Penthouse-Wohnung in der List. Meine Scheidung ist seit fünf Jahren durch. Und jetzt, wo ich dich zufällig hier wiedergefunden habe… Elke, das ist Schicksal. Wir kriegen eine zweite Chance. Was ist schon ein lächerlicher Eintrag im Handelsregister im Vergleich zu dem, was wir miteinander hatten?“
Am nächsten Tag begegnete sie Signora Bianca, ihrer Vermieterin, auf der Terrasse. Die alte Dame mit den tief in der Haut eingegrabenen Lachfalten zupfte gerade verblühten Rosmarin von einem der großen Terrakottatöpfe.
„Ein sehr charmanter Mann, Ihr Besucher, Frau Elke“, sagte sie mit einem leicht verschwörerischen Unterton und klimperte mit den Wimpern. „So ein tolles Auto. Und er hat mir eine ganze Schachtel teurer Pralinen aus der Stadt mitgebracht, unaufgefordert. So eine Großzügigkeit ist selten heutzutage. Ein Mann von Welt. Sie sollten ihn sich warmhalten! Mein Carlo hätte mir in dem Alter nie mehr solche Avancen gemacht. Sie sind doch auch nicht mehr zwanzig, oder?“
Die Worte der Alten klangen wie ein fernes Echo der Angst, die sie selbst einmal gehabt haben mochte: die Angst, allein zu bleiben. Aber tief in Elkes Innerem regte sich etwas ganz anderes. Es war eine tiefe, unerschütterliche Ruhe. Die Panik von damals, die schlaflosen Nächte, in denen sie das Kopfkissen umklammert hatte, das Gefühl, wertlos und unliebbar zu sein – es war alles fort. Alles, was blieb, war eine wache, klare Gleichgültigkeit.
Zwei Tage später tauchte Leonard erneut auf. Diesmal fing er sie auf dem Weg zum Hafen ab, wo sie eigentlich ein Boot mieten wollte, um die Küste vom Wasser aus zu sehen. Der Himmel war strahlend blau, ein starker, heißer Mistral blies ihr das Haar aus dem Gesicht.
„Elke, ich muss morgen zurückfahren. Der Aufsichtsrat will meinen Kopf, wenn ich nicht zum Quartalsmeeting erscheine“, sagte er und verstellte ihr mit einer fast besitzergreifenden Bewegung den Weg. Er trug eine dunkle Sonnenbrille, in der sich ihr eigenes, verzerrtes Gesicht spiegelte. „Komm mit mir. Pack deine Koffer und komm mit mir nach Hannover. Was hält dich noch in dieser muffigen Zweizimmerwohnung in Osnabrück? Ein langweiliger Job im öffentlichen Dienst? Die Akten von Leuten sortieren, die ihr Leben vergeigt haben? Bei mir bist du frei. Du musst nie wieder arbeiten. Ich schenke dir das Leben, das du verdienst. Jeden Morgen aufwachen, das Panorama der Stadt vor dem Fenster, Mittagessen im Edelrestaurant, Reisen wohin du willst. Wir holen all die verlorenen Jahre nach. Was sagt dein Kopf dazu?“
Der Wind peitschte ihr eine lose Haarsträhne ins Gesicht. Sie klebte an ihrem leicht geölten Lippenstift. Ein Fischer in Gummistiefeln, der neben ihnen seinen Fang auslud, warf ihnen einen neugierigen Blick zu. Der Geruch von Fisch und Diesel lag schwer in der Luft.
Elke hob die Hand und strich sich die Strähne ruhig aus dem Gesicht. Dann sah sie Leonard an, nicht mit Wut, nicht mit Schmerz, sondern mit der ruhigen Gewissheit einer Archäologin, die ein seltsames, aber ungefährliches Fossil betrachtet.
„Weißt du, Leonard“, begann sie und ihre Stimme war so klar wie der Himmel über ihnen. „Meine Mutter hat damals nach deiner kleinen Notiz einen Nervenzusammenbruch erlitten. Drei Monate Klinik, die ersten zwei Wochen davon völlig apathisch. Und ich? Ich stand da mit einem Brautkleid aus einem kleinen Laden in der Innenstadt, das noch nicht einmal ganz abbezahlt war. Ich habe es ein Jahr lang wie eine Leiche im Schrank aufbewahrt. Ich habe bei der Polizei und in den Krankenhäusern angerufen, weil ich dachte, dir sei etwas zugestoßen. Ich habe mir gewünscht, du wärst tot. Denn die Alternative, dass du mich einfach so weggeworfen hast wie einen alten Schuh, war so viel schlimmer. Und jetzt stehst du hier und bietest mir ein Penthouse an, als wäre das der fehlende Baustein meines Glücks?“
„Mein Gott, warum gräbst du das alles wieder aus? Das ist achtzehn Jahre her!“, rief Leonard und riss sich die Sonnenbrille vom Gesicht. Seine Augen waren schmal, die Mundwinkel scharf nach unten gezogen. „Das waren Jugendsünden, Fehler! Ich habe mich doch tausendmal entschuldigt! Was willst du denn noch? Soll ich vor dir auf die Knie fallen?“
„Nein“, sagte Elke. „Das ist es ja gerade. Ich will gar nichts mehr von dir. Keine Entschuldigung, keine Erklärung und kein Penthouse. Vor drei Tagen war mir das noch nicht so klar, aber jetzt ist es das. Ich habe mir mein Leben damals aus Trümmern wieder aufgebaut. Es ist ein kleines, geordnetes Leben, mit einer nicht besonders aufregenden Arbeit und einem Balkon, auf dem meine Geranien wachsen. Aber es ist mein Leben. Jeder einzelne Stein. Und weißt du, was das Schöne daran ist? Es hat für dich einfach keinen Platz mehr. Du bist ein Kapitel, das ich zugeschlagen habe, lange bevor du dir diese protzige Uhr gekauft hast. Ich habe keinen Groll mehr. Ich habe einfach nichts mehr. Das ist vorbei. Es ist verdampft wie das Wasser hier auf dem heißen Asphalt. Und es wird nie wiederkommen. Du und ich, das ist, als würde einer versuchen, einen Brand mit einem Glas Wasser zu löschen, der vor fast zwei Jahrzehnten schon erkaltet ist. Sinnlos."
Der Wind trug das Tuckern eines auslaufenden Motorbootes heran. Leonard starrte sie an, sein Gesicht war zu einer reglosen Maske aus Unverständnis und aufkeimender Kränkung erstarrt. Er hatte mit allem gerechnet, mit Vorwürfen, mit Tränen, mit hartnäckigem Schmollen, das man mit teuren Geschenken aus der Welt schaffen konnte. Aber mit dieser leisen, unumstößlichen Endgültigkeit? Mit einer Frau, die ihn nicht einmal mehr hassen wollte? Das konnte nicht sein. Er hatte doch jetzt alles zu bieten.
„Das ist dein letztes Wort? Du bleibst in deiner erbärmlichen kleinen Welt und wirst alt und grau, während ich dir den Himmel auf Erden zu Füßen lege? Aus falschem Stolz?“, seine Stimme klang rau, fast ein wenig heiser vor Zorn.
„Es ist nicht Stolz, Leonard. Es ist schlicht und ergreifend Vergangenheit. Komm gut nach Hause.“ Sie nickte ihm zu, ein höfliches, distanziertes Kopfnicken, wie man es einem entfernten Kollegen schenkt. Dann drehte sie sich um, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie griff fester den Henkel ihrer Basttasche und ging langsam, aber mit federnden Schritten die Uferstraße hinunter, dem Hafenbecken entgegen. Das Klacken ihrer Sandalen auf dem Kopfsteinpflaster war ihr eigener, selbstbestimmter Takt.
Leonard blieb stehen, die Sonnenbrille fest in der Hand umklammert, bis ihre Gestalt zwischen den bunten Holzbuden der Eisverkäufer verschwunden war. Der Fischer neben ihm spuckte geräuschvoll auf den Boden und widmete sich wieder seinen Netzen.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, erwachte Elke ungewöhnlich spät. Sie schlug die Augen auf und sah zu, wie die Morgensonne durch die Ritzen der Fensterläden auf den rotbraunen Fliesenboden malte. Die Luft war noch kühl und klar. Sie gähnte, streckte sich genüsslich in ihrem Bett aus und lauschte dem fernen Gebimmel der Kirchturmglocken von San Lorenzo. Die bleierne Müdigkeit der ersten Urlaubstage, die vor allem von den Menschenmassen ausgegangen war, war endlich von ihr abgefallen. Heute war alles anders. Ein Gefühl von stiller, tiefer Zufriedenheit durchströmte sie, als hätte sich eine alte, schmerzende Narbe endlich vollständig aufgelöst. Sie stand auf, zog ihr schönstes Sommerkleid an, ein luftiges, kornblumenblaues aus dünnem Leinen, und schlüpfte in ihre Sandalen.
Unten auf der kleinen Piazza, vor dem einzigen Café, das schon geöffnet hatte, bestellte sie sich einen doppelten Espresso und ein Hörnchen mit Aprikosenmarmelade. Der Pächter, ein junger Mann mit einem freundlichen Lächeln, stellte ihr die Tasse mit einem leisen „Prego, bella Signora“ hin. Sie war nicht mehr die Frau, die von einem Mann aus der Vergangenheit heimgesucht wurde. Sie war einfach nur Elke, eine Frau im Urlaub, Mitte vierzig, mit einem guten Buch und einem sonnigen Tag vor sich. Sie nippte an ihrem Kaffee und spürte die Wärme und das ganz leichte Ziehen ihres Sonnenbrandes auf den Schultern. Alles war genau so, wie es sein sollte.
Der Rest der Woche gehörte ihr allein. Sie fuhr mit dem klapprigen Linienbus nach Cervo, um das alte Künstlerdorf hoch über dem Meer zu besichtigen, badete jeden Abend im verlassenen, mondänen Strandabschnitt der Pension und begann, einen neuen Roman zu lesen. Der Gedanke an Leonard, an die schwere goldene Uhr und die noch schwereren Versprechungen, kam ihr gar nicht mehr bedrückend vor. Er war seltsam unwirklich geworden, wie eine Figur aus einem dieser schlechten Filme, die sie manchmal spätabends auf einem der dritten Programme angeschaut und nach zehn Minuten wieder ausgeschaltet hatte.
An ihrem letzten Abend, die Koffer waren fast gepackt, saß Elke auf der kleinen, privaten Dachterrasse der Pension. Vor ihr lag ein kleiner, wackeliger Plastiktisch, auf dem eine Schale mit reifen, violett schimmernden Feigen stand, die Signora Bianca ihr von einem Baum im Garten gepflückt hatte. Sie brach eine der Früchte mit den Fingern auf. Das satte, rote Fruchtfleisch leuchtete im Licht der untergehenden Sonne. Sie hob das Kinn und nahm einen tiefen Atemzug. Die Luft roch nach dem dunstigen, weiten Meer, nach Salz und nach dem Blütenstaub des späten Sommers. Die Welt klang nach dem fernen, beruhigenden Rauschen der Wellen und nach dem Lachen zweier Kinder, die unten in der Gasse Fangen spielten.
Sie führte ein Stück der süßen Frucht zum Mund und schloss für einen Moment die Augen. Sie dachte an Osnabrück, an die kleine Altbauwohnung mit den hohen Decken, die auf sie wartete, an ihren geregelten Alltag. Doch es war keine Sehnsucht, die sie spürte, sondern die leise, aber bestimmte Vorfreude auf ein Leben, das auf einem festen, selbstgewählten Fundament stand. Sie würde am nächsten Tag in aller Ruhe nach Hause fliegen. Nicht als Opfer einer alten Geschichte, sondern als die Frau, die sie selbst daraus gemacht hatte. Von Leonard und seinem silbernen Alfa Romeo gab es keine Spur mehr. Das alte, hässliche Kapitel war nicht nur beendet – sie hatte es eigenhändig, in der Salzwasserbrise dieses einen, entscheidenden Nachmittags, für immer aus dem Buch gerissen und dem Wind überlassen. Und das Meer, so viel wusste sie, gab seine Beute nie wieder her.







