Lena war gerade in der Tiefgarage. Sie hatte den ellenlangen Tag im Großraumbüro mit dem Rücken zum Fenster verbracht, eingekeilt zwischen Quartalszahlen und dem Surren der Kaffeemaschine. Jetzt wollte sie nur noch ins Auto, das Handy auf den Beifahrersitz werfen und die zwanzig Minuten bis nach Hause in völliger Stille fahren.
Das Telefon vibrierte, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte.
Unbekannte Nummer. Aber die Vorwahl – die kannte sie noch. Aus der Gegend, in der sie aufgewachsen war. Irgendwas zwischen Harz und Heide, weit weg von München.
„Stoltz?“
„Lena, hier ist Marta. Die Nachbarin von deinem Großvater. Du musst kommen. Kurt ist tot.“
Lena lehnte sich mit der Schulter gegen die Autotür. Der Beton der Tiefgarage roch kalt und modrig. Sie hörte das Echo ihrer eigenen Atemzüge, sah ihr Spiegelbild in der schwarzen Fensterscheibe des Wagens nebenan. Eine Frau im Hosenanzug, Mitte dreißig, die plötzlich völlig stillstand.
„Wann?“, fragte sie.
„Letzte Nacht. Im Schlaf. Ganz friedlich. Die Beerdigung ist am Samstag. Du schaffst das noch.“
Lena drückte auflegen, ohne sich zu verabschieden. Sie stieg ins Auto, legte beide Hände aufs Lenkrad und starrte auf die nackte Betonwand vor ihr. Dann begannen ihre Schultern zu zittern, lautlos, fast mechanisch.
Kurt Mertens. Ihr Großvater mütterlicherseits. Der Mann, der sie aufgezogen hatte, nachdem ihre Eltern bei einem Lawinenunglück in den Dolomiten ums Leben gekommen waren. Lena war damals sieben. Ein Polizist hatte an der Tür geklingelt. Zwei Tage später holte der Großvater sie ab. Ein hagerer Mann mit nikotingelben Fingern und einer dunkelblauen Schirmmütze, die er nie abnahm. Er war Lehrer gewesen, Dorfschullehrer in einem Kaff irgendwo zwischen Wäldern und Feldern, und er wusste mit Kindern umzugehen, auch mit verstörten.
Er setzte sie auf den Beifahrersitz seines uralten Golf, reichte ihr eine Tüte Gummibärchen und sagte: „Wir kriegen das hin, Lenchen. Du und ich. Wir beide gegen den Rest der Welt.“
Und sie kriegten es hin.
Er lehrte sie rechnen mit Kastanien, schreiben auf einer kleinen Schiefertafel, die noch aus seiner eigenen Schulzeit stammte. Jeden Morgen gab es warme Milch mit Honig, jeden Abend las er ihr aus Karl May vor. Wenn sie krank war, machte er Hühnersuppe mit selbst gemachten Nudeln und saß die halbe Nacht an ihrem Bett. In der fünften Klasse, als sie wegen ihrer alten Schuhe gehänselt wurde, fuhr er am nächsten Tag mit ihr in die Kreisstadt und kaufte ihr neue. Bezahlte mit einem Stapel zerknitterter Scheine aus einer alten Zigarrenkiste.
Sie lernte gut. Abitur mit einer glatten Eins. Studium in Hamburg. Praktikum in Frankfurt. Dann der Job in München, das sechsstellige Gehalt, die Eigentumswohnung in Bogenhausen mit Fußbodenheizung und Blick auf den Englischen Garten.
Zuerst kam sie noch jedes zweite Wochenende. Dann nur noch einmal im Monat. Dann Weihnachten und Ostern. Und dann irgendwann gar nicht mehr.
Vor drei Jahren hatte sie ihm ein Tablet geschickt, per Post. Mit einer kurzen Notiz: Videotelefonie, dann sehen wir uns öfter. Er rief nie an. Lena rief auch nicht an. Manchmal, spätabends, wenn sie nach einem Sechzehn-Stunden-Tag endlich im Bett lag, dachte sie: Ich muss ihn mal anrufen. Aber da war es schon zu spät, und sie verschob es auf morgen. Und übermorgen. Und die Woche danach.
Letzten Winter schickte er eine Postkarte. Eine kitschige Ansichtskarte mit einem Aquarell vom Brocken. Darauf stand in seiner krakeligen Handschrift: *Ich hab den Ofen repariert. Funktioniert wieder einwandfrei. Falls du mal Zeit hast – es gibt Glühwein. Dein Opa.*
Sie hatte die Karte an den Kühlschrank gehängt, zwischen die Einladung zu einem Networking-Event und die Lieferando-Bons. Sie hing immer noch da.
Jetzt war er tot.
Lena buchte den nächstmöglichen Zug. ICE bis Hannover, dann weiter mit dem Regionalexpress, dann mit dem Bus, der nur dreimal am Tag fuhr. Sie packte schwarze Kleider ein, eine Perlenkette ihrer Mutter und das flaue Gefühl im Magen, das nicht mehr wegging.
Sie kam spät an. Der Busfahrer kannte die Haltestelle kaum, ein verwittertes Schild an einer leeren Landstraße. Die letzten drei Kilometer lief Lena zu Fuß. Es war November, die Luft roch nach feuchtem Laub und Rauch, irgendwo hinter den kahlen Buchen brannte ein Ofen. Der Schotterweg knirschte unter ihren Stiefeletten, die fürs Büro gemacht waren, nicht für die norddeutsche Tiefebene. In der rechten Hand trug sie den schwarzen Seesack, in der linken eine Stofftasche mit Lebensmitteln aus dem Bahnhofs-Supermarkt. Räucherlachs, eine Flasche Wein aus der Pfalz, irgendwelches teures Gebäck. Absurditäten, die sie wie auf Autopilot eingepackt hatte, ohne nachzudenken.
Das Dorf lag still da. Ein paar windschiefe Häuser, eine Kirche mit abblätterndem Putz, ein alter Dorfteich mit einer Bank davor. Die Fenster des einzigen Gasthofs waren dunkel. Nur aus einem Schornstein stieg Rauch auf. Der von Opa Kurt.
Das Haus stand am Ende einer kopfsteingepflasterten Gasse, ein altes Fachwerkhaus mit schiefen Wänden und einem Holunderbusch vor der Tür. Die Fensterläden waren grün gestrichen, er selbst hatte sie vor Jahrzehnten gestrichen, die Farbe war längst abgeblättert. Aus dem Schornstein kringelte sich dünner, weißer Rauch in den grauen Himmel.
Das Gartentor stand offen.
Und da saß er.
Kurt Mertens saß auf der Holzbank neben der Haustür, eingemummelt in einen dicken Wollpullover, über den Knien eine ausgebreitete Zeitung. Auf der Zeitung lag ein Berg grüner Bohnen. Ein altes Küchenmesser in der rechten Hand. Er schnippelte die Enden ab, warf sie in einen verbeulten Topf zu seinen Füßen und pfiff dabei leise vor sich hin.
Lena blieb wie angewurzelt stehen.
Er hob den Kopf, blinzelte in ihre Richtung und nickte ihr kurz zu.
„Mensch, Lena. Du bist ja doch gekommen. Hätt ich nicht gedacht. Magst du Bohneneintopf? Musst nur noch ein bisschen warten, bin gleich fertig mit den Dingern hier.“
Die Stofftasche fiel ihr aus der Hand. Die Weinflasche zerschellte auf dem Pflaster. Der Lachs rutschte über den Weg, das Gebäck verstreute sich zwischen Rosensträuchern und Unkraut.
„Du … du …“, stammelte sie. Ihre Stimme gehorchte ihr nicht.
„Lebst ja noch“, vollendete Opa Kurt den Satz seelenruhig und schnitt die nächste Bohne an. „Du klingst fast ein bisschen enttäuscht, Lenchen. Setz dich. Die Bohnen werden kalt.“
Lenas Beine gaben nach. Sie kauerte sich auf das feuchte Pflaster, die Spitzen ihrer Stiefel in den Glasscherben der Weinflasche, und starrte ihn an, als wäre er ein Geist. Was er ja hätte sein sollen.
„Marta hat angerufen“, flüsterte sie. „Sie sagte, du wärst tot. Im Schlaf gestorben. Ich hab alles stehen und liegen lassen. Die Vierteljahrespräsentation, das Meeting mit dem Vorstand, einfach alles. Ich bin fast tausend Kilometer gefahren, ich …“
„Ach, die Marta“, sagte Kurt und legte das Messer beiseite. Er wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und stand langsam auf, stützte sich schwer auf die Armlehne der Bank. „Die hab ich drum gebeten. Hab gesagt: Marta, ruf meine Enkelin an und sag ihr, der Alte ist tot. Mal sehen, was passiert.“
Lena starrte ihn fassungslos an.
„Warum?“, presste sie hervor. Es klang heiser, fremd.
Kurt strich sich mit dem Handrücken über die Stoppeln am Kinn. Er sah müde aus, viel älter als auf den Fotos, die sie in München hatte. Die Schultern waren schmaler geworden, die Hände zittrig.
„Tja, Lenchen, wie lang hätte ich denn deiner Meinung nach noch warten sollen? Bis es wirklich so weit ist? Sechs Jahre. So lange warst du nicht mehr hier. Nicht ein einziges Mal. Du hast mir dieses komische Tablet geschickt. Aber anfassen wollte ich es nicht. Ich wollte dich anfassen. Deine Stimme hören, ohne diese Kratzgeräusche. Ich dachte, vielleicht, wenn der Opa tot ist, dann rafft sie sich ja doch noch auf. Zur Beerdigung kommt man schließlich, oder?“
Seine Stimme war ruhig. Kein Vorwurf, nur eine bittere, schlichte Feststellung. Er bückte sich, hob den Topf mit den Bohnenenden auf und ging schwerfällig ins Haus. Die Tür ließ er offen.
Lena blieb draußen. Die Kälte kroch ihr in die Knochen. Sie hörte ihn drinnen hantieren, hörte das Klappern des Topfdeckels und das Prasseln des Holzofens.
Eine Viertelstunde verging. Oder eine halbe, sie wusste es nicht. Dann trat sie ein.
Die Küche war winzig und vollgestellt mit Gerümpel aus fünf Jahrzehnten. Ein speckiges Radio auf dem Fensterbrett, ein verblichener Wandkalender von der Raiffeisenbank, getrocknete Kräuter über dem Herd. Auf dem Tisch standen zwei Teller Bohneneintopf. Er dampfte.
„Setz dich. Iss.“, sagte Kurt.
Sie aßen schweigend. Das Besteck klirrte auf dem alten Porzellan. Nach einer Weile fragte Lena leise: „Und wenn ich nicht gekommen wäre? Was dann?“
Kurt legte den Löffel hin und sah sie an. „Dann wäre ich nächste Woche wirklich gestorben. Aus Trotz.“ Er grinste, und das Grinsen war dasselbe, das sie als Kind so geliebt hatte.
Lena weinte dann doch. Dicke, heiße Tränen tropften in den Bohneneintopf, und sie schämte sich nicht dafür.
Später, viel später an diesem Abend, saßen sie in den zwei abgewetzten Ohrensesseln vor dem Kachelofen. Kurt rauchte eine Zigarette, obwohl er das eigentlich nicht mehr sollte. Sie hatte den Laptop aufgeklappt, aber keine E-Mails geöffnet. Stattdessen zeigte er ihr einen Schulaufsatz, den er von ihr aufgehoben hatte, aus der achten Klasse, über das Wattenmeer. Sie hatte eine Zwei minus bekommen und das Blatt auf dem Heimweg zerknüllt. Er hatte es wieder glatt gestrichen und in eine Klarsichthülle gesteckt.
„Ich wollte dir doch kein schlechtes Gewissen machen, Lenchen“, murmelte er irgendwann, als die Glut im Ofen schon dunkelrot glühte. „Aber du hast in München dein Leben. Und ich … ich hab hier mein altes. Und ich will es ja noch ein bisschen leben, verstehst du? Ich wollte nur meine Enkelin noch einmal sehen, bevor es ernst wird. Und das ist jetzt passiert. Also ist es gut. Du kannst morgen wieder fahren, wenn du willst. Ich hab dich ja gesehen.“
Lena schloss die Augen. Sie dachte an die Tiefgarage in München, an die Quartalszahlen, an die Konferenzräume, in denen die Luft nach Reinigungsmittel und Stress roch. Dann dachte sie an die grünen Fensterläden ihres Großvaters, an den Holunder vor der Tür und den Geruch von Holzrauch.
„Ich bleibe“, sagte sie.
„Wie lange?“
„Weiß nicht. Mal sehen. Vielleicht eine Woche. Vielleicht zwei. Ich hab noch Urlaubstage. Und mein Chef kann mich mal.“
Kurt sagte lange nichts. Er drückte die Zigarette aus, stand langsam auf und ging zum Fenster. Draußen war es stockdunkel. Kein einziges Straßenlicht brannte. „Dann muss ich morgen früh Brötchen holen“, brummte er. „Eier auch. Und Speck. Mensch, Lenchen, dann mach ich dir Frühstück. Wie früher, weißt du noch? Rührei mit Speck. Und den Kakao mit der Haut obendrauf. Wolltest du doch immer so.“
In seiner Stimme schwang etwas mit, das Lena lange nicht mehr gehört hatte. Nicht, seit sie das letzte Mal durch diese Tür getreten war.
Am nächsten Morgen wachte sie in ihrem alten Kinderzimmer auf. Die Tapete mit den verblassten Sonnenblumen, das quietschende Stockbett, der kleine Schreibtisch unter der Dachschräge. Sie hatte vergessen, wie gut es roch. Nach altem Holz, ein bisschen staubig. Und von unten, aus der Küche, stieg der Duft von brutzelndem Speck auf.
Sie blieb zehn Tage. Keiner im Büro rief an. Oder wenn, dann klingelte das Handy und sie drückte es weg. Sie hackte Holz, obwohl sie keine Ahnung davon hatte. Sie stritten sich über dummes Zeug, reparierten die morsche Gartenbank und brieten Stockbrot über der Feuerschale. Sie fuhren mit seinem rostigen Fahrrad an den Nordseedeich und sammelten Kieselsteine, genau wie damals. Sie redeten bis spät in die Nacht.
Am Tag der Abreise stand Kurt im Morgenrock auf dem Bahnsteig. Eine dicke Wollmütze auf dem Kopf, die Hände in den Taschen vergraben. Als der Zug einfuhr, drückte er ihr eine kleine Schachtel in die Hand. Ein selbst geschnitztes Holzpferdchen, fein geschliffen, die Mähne in winzigen Wellen angedeutet.
„Das ist für unterwegs“, sagte er. „Damit du nicht vergisst, dass du hier auch zu Hause bist. Egal, was passiert. Und jetzt fahr. Aber komm wieder. Bald. Und diesmal ohne dass ich sterben muss, klar?“
Lena grinste, obwohl ihr die Tränen in den Augen standen. „Abgemacht“, sagte sie. Sie umarmte ihn. Er war so schmal geworden unter der dicken Jacke.
Drei Monate später saß sie wieder in diesem Zug. Mit anderem Gepäck diesmal. Zwei Koffer, eine Campingliege für den Garten, ein Buch über bienenfreundliche Stauden und eine Kündigung für ihre Münchner Wohnung.
Als sie durch das quietschende Gartentor trat, lag ein Zettel auf der Bank. *Bin am Teich. Hab einen Hecht an der Angel. Ein richtiges Monster! Komm schnell, sonst reißt er mir die Rute weg. Opa.*
Sie ließ die Koffer stehen und rannte los.







