Der Wagen parkte noch nicht einmal richtig in der Tiefgarage des «Aurora», da wusste Clara schon, dass dieser Abend kein schöner werden würde. Nicht wegen des Restaurants – das «Aurora» in der Stuttgarter Innenstadt war genau ihr Geschmack, mit diesem gedämpften Licht und den schweren Samtvorhängen, die jedes Wort weich einpackten. Nein, es war die Anspannung in Stefans Kiefer gewesen, diese kleine, pochende Vene an seiner Schläfe, seit er sie zuhause abgeholt hatte.
Er hatte sich für einen Mittwoch verdächtig fein gemacht. Maßgeschneiderter Anzug, eine Krawattennadel, die sie noch nie gesehen hatte. Clara hatte nichts gesagt, nur ihren neuen schwarzen Hosenanzug angezogen, der im Rücken so perfekt saß, dass sie sich fühlte wie eine Schachspielerin vor dem entscheidenden Zug. Sie kannte diesen Auftritt. Sie kannte ihn seit Wochen, ohne ihn je gesehen zu haben. Man muss keine Hellseherin sein, wenn der eigene Mann plötzlich sein Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch legt und beim Duschen das Bad abschließt.
«Einen Tisch für drei», hatte Stefan zur Empfangsdame gesagt.
Clara hatte nicht mit der Wimper gezuckt. Drei. Also war es heute so weit. Na dann.
Die junge Frau kam zehn Minuten zu spät, aber nicht aus Versehen. Solche Frauen kommen immer zu spät, weil sie denken, das steigert ihren Auftritt. Ein asymmetrisches rotes Kleid, das eine Schulter nackt ließ und an der Hüfte Falten warf, die kein Schneider der Welt je beabsichtigt hatte. Zu hohe Schuhe für das Kopfsteinpflaster draußen. Die Kellner drehten sich um – nicht aus Bewunderung, sondern weil das Parfüm schon drei Meter vor ihr ankam.
Lena. So hieß sie. Clara wusste das schon länger. Die Assistentin aus der Marketingabteilung, die Stefan vor sieben Monaten unbedingt hatte einstellen wollen. Damals hatte Clara ihm den Gefallen noch getan, die Stelle übers Firmenkonto freizugeben. Ein Anflug von Bitterkeit schoss ihr durch den Magen, aber sie schluckte ihn hinunter. Das hier war nicht der Ort für Bitterkeit. Das hier war der Ort für Präzision.
Stefan stand auf, als Lena am Tisch ankam. Nicht für seine Frau. Für Lena. Er küsste sie auf die Wange, eine Sekunde zu lang, während er Claras Blick nicht erwidern konnte. Dann setzte er sich wieder, holte Luft – jenes tiefe, inszenierte Luftholen, das Männer vor Sätzen machen, die sie nicht mehr zurücknehmen können.
«Clara, ich habe eine Entscheidung getroffen.» Seine Stimme klang geübt. Er hatte den Satz vorm Spiegel geprobt. «Ich wähle sie. Ich will die Scheidung. Sofort.»
Lena legte den Kopf schief und lächelte. Dieses Lächeln. Dieses klebrige, triumphierende Lächeln einer Frau, die glaubt, sie hätte einen Hauptgewinn gezogen, während sie in Wirklichkeit nur die Reste vom Teller eines anderen klaubt. Ihr Blick streifte Claras Gesicht, auf der Suche nach einem Riss. Einem Zusammenbruch. Vielleicht sogar Tränen, die das teure Make-up ruinieren würden.
Sie suchte vergeblich.
Clara dachte an ihren Vater. An den Tag, an dem er ihr die Aktienmehrheit der DentAura-Klinikkette überschrieben hatte, vor zehn Jahren, am Küchentisch seines Bauernhauses im Remstal. «Ein guter Mann nimmt dein Geld und macht mehr daraus», hatte er gesagt. «Ein schlechter Mann nimmt dein Geld und denkt, es wäre seins. Gib einem Mann nie Macht, ohne den Hebel in der Hand zu behalten, Clara. Nie.»
Stefan hatte nie verstanden, warum die zwölf Kliniken, die dreißig Zahnärzte, die Immobilie in der Königstraße und die Villa in Degerloch auf dem Papier in einer Stiftung lagen, deren alleinige Begünstigte Clara war. «Steuerliche Gründe», hatte sie ihm vor der Hochzeit gesagt, und er hatte genickt, ohne eine einzige Frage zu stellen. Er hatte auf die Ringe geschaut, nicht auf die Verträge. Das war sein Fehler.
Jetzt beugte er sich zu ihr hinüber, seine Fingerknöchel trommelten auf das weiße Tischtuch. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das nur sie beide hören sollten. «Du kriegst keinen Cent von mir, ist dir das klar? Schau dich doch an. Du kannst nicht mal eine Familie zusammenhalten, dann verdienst du auch nichts.»
Das war der Moment. Der Dolch, für den Lena allein nicht gereicht hätte. Er wollte sie nicht nur verlassen, er wollte sie bluten sehen, öffentlich, zur Unterhaltung seiner Neuen. Claras Finger strichen über den Stiel ihres Wasserglases, einmal, zweimal. Dann klingelte Stefans Handy.
Er zuckte zusammen, warf einen Blick aufs Display. «Nicht jetzt, ich bin in einer – » Aber irgendwas im Gesicht des Anrufers ließ ihn innehalten, und er drückte das Gerät ans Ohr.
Stille.
Am anderen Ende der Leitung redete jemand schnell, eindringlich, die Worte unverständlich für den Rest des Tisches, aber verheerend für den Mann, der eben noch über eine Abfindung für die eigene Frau nachgedacht hatte. Claras Rücken spannte sich an, so wie sich ein Bogen spannt, kurz bevor der Pfeil die Sehne verlässt. Sie sah, wie das Blut aus Stefans Gesicht wich. Zuerst aus den Wangen, dann aus den Lippen. Seine Hand, die eben noch so männlich auf dem Tisch posiert hatte, begann zu zittern.
«Was?» Seine Stimme brach. «Wie meinen Sie das, gesperrt? Welche Konten? WER hat das veranlasst?»
Er kannte die Antwort, noch bevor der Mann am Telefon sie aussprach. Sein Kopf drehte sich langsam, widerwillig, hin zu der Frau, die noch immer kerzengerade dasaß und ihn mit einem Ausdruck musterte, der irgendwo zwischen Mitleid und Langeweile lag. Lena begriff es langsamer. Sie sah Stefans Panik, sah seinen leeren Blick, aber sie konnte die Punkte nicht verbinden.
Clara stand auf. Die Serviette legte sie sorgfältig gefaltet neben den unberührten Teller. Ihre Bewegung war fließend, beinahe königlich, und in der plötzlichen Stille des Restaurants klang nur das leise Klappern ihrer Absätze auf dem Parkett.
«Die Firmenkreditkarten übrigens auch», sagte sie ruhig. Nicht laut. Nicht triumphierend. Einfach als Konstante in einem Raum, der für Stefan gerade in tausend Einzelteile zerbrach.
Lenas Lächeln war verschwunden. An seine Stelle war dieses flackernde Entsetzen getreten, das Leute befällt, wenn sie merken, dass sie das falsche Pferd gewettet haben. Sie schaute hin und her zwischen Stefan, dessen Gesicht inzwischen die Farbe von altem Quark angenommen hatte, und Clara, die jetzt ihren Mantel von der Garderobe nahm. Sie brauchte keine Hilfe. Sie hatte nie jemandes Hilfe gebraucht.
«Du hast eine andere Frau gewählt, Stefan.» Clara schob sich den Arm durch den Mantelärmel, eine präzise, ökonomische Bewegung. «Also hast du auch gewählt, alles zu verlieren. Die Villa, die Firma, die Konten – die Stiftung ist da ziemlich eindeutig. Das war sie übrigens schon immer.»
Stefan öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ein Fisch auf dem Trockenen. Sein Leben, sein Status, seine teuren Anzüge und die Rolex, die er so gerne im Licht drehte – alles nur geliehen. Geliehen von der Frau, die er gerade öffentlich zu demütigen versucht hatte.
Lena packte ihre Handtasche. «Du hast gesagt, das alles gehört dir!», zischte sie Stefan zu, und ihre Stimme war plötzlich nicht mehr sanft und verführerisch, sondern schneidend und schrill. Das Rot ihres Kleides wirkte jetzt nicht mehr verführerisch, sondern fehl am Platz, wie ein Fleck auf einem weißen Laken. Sie stand auf, wankte auf ihren überhohen Absätzen und floh beinahe aus dem Restaurant, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Stefan blieb allein zurück an einem Tisch für zwei, der für einen kurzen, grandiosen Abend ein Tisch für drei gewesen war. Er rührte sich nicht, sein Blick hing an der Stelle, wo eben noch seine Geliebte gesessen hatte, wo davor seine Frau gesessen hatte, wo jetzt nur noch Leere war. Die Rechnung würde er nicht bezahlen können. Nicht mit diesen Karten.
Clara ging hinaus in die kühle Nachtluft Stuttgarts. Ihr Wagen stand in der Tiefgarage, ihr Name stand im Grundbuch, und ihr Leben lag jetzt, endlich, so klar und sauber sortiert vor ihr wie die Aktenordner in einem gut geführten Büro. Sie drückte auf den Autoschlüssel und atmete tief ein.
Der Septemberwind roch nach Benzin und den ersten fallenden Blättern. Und nach einem Neuanfang.







