Der Geruch von Filterkaffee zog durch die helle Wohnküche, als meine Tochter Kathrin das Päckchen mit dem Fotoservice auf den Tisch knallen ließ. Es war Viertel nach neun an einem strahlenden Apriltag.
„Was soll das denn, Mama?“, sagte sie und tippte mit dem Fingernagel auf den Karton. „Ein Fotokurs? Für fast vierhundertfünfzig Euro?“
Ich rührte seelenruhig in meiner Tasse. „Ich hab mich angemeldet. Fängt nächsten Monat an, im Kulturhaus Altona. Immer mittwochs. Porträtfotografie.“
Kathrin starrte mich an, als hätte ich gesagt, ich wolle als Stewardess auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern. „Wozu brauchst du das denn? Du machst doch jetzt schon den ganzen Tag Fotos mit dem Handy. Dieselben Blumen, dieselben Sonnenuntergänge. Meinst du nicht, es ist langsam Zeit, ein bisschen ruhiger zu treten? Du bist dreiundsiebzig.“
Ruhiger treten. Da war es wieder, dieses Wort, das ich in den letzten zwei Jahren so oft gehört hatte, dass es sich anfühlte wie ein Jucken unter der Haut.
Seit ich aus Zürich zurück bin, reden sie alle so mit mir. Kathrin, mein Schwiegersohn Oliver, sogar die Kinder haben diesen Tonfall übernommen. Wozu brauchst du das? Willst du dir das wirklich noch antun? In deinem Alter.
In meinem Alter. Als wäre ich eine alte Standuhr, die man nicht mehr aufziehen darf, weil das Uhrwerk sonst kaputtgeht.
Dabei hatte alles so schön angefangen.
Sechsundzwanzig Jahre habe ich in der Schweiz gearbeitet. Sechsundzwanzig Jahre Krankenpflege im Nachtdienst, erst im Triemli, später in einer Privatklinik am Zürichberg. Mein Mann war schon tot, da war unsere Tochter gerade dreizehn. Das Haus in Garstedt war halb verfallen, die Rente einer Witwe lächerlich. Also bin ich gegangen, wie so viele in den Neunzigern. Mit einem Koffer, in dem zwei Kittelschürzen und ein selbstgebackener Streuselkuchen von meiner Nachbarin lagen.
Ich habe den Gürtel enger geschnallt als jeder andere. Keine Restaurantbesuche, keine Taxifahrten, keine neuen Wintermäntel, solange die alte Wolle noch hielt. Jeder verdiente Franken floss zurück: erst die neue Heizung für das Haus meiner Tochter, dann die Anzahlung für Olivers Kfz-Werkstatt in Quickborn, dann die Semestergebühren für Enkelin Lena, Austauschjahr in den USA inklusive Flüge, und schließlich noch die Anzahlung für die Eigentumswohnung meines Enkels Finn, weil der sich mit Mitte zwanzig nicht mit Mietverträgen rumschlagen sollte.
Hunderttausende Franken, alles in die Familie investiert. Und ich habe nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Wenn Lena aus Boston anrief und sagte, sie brauche einen neuen Laptop für ihr Designstudium, dann habe ich am selben Tag das Geld überwiesen. Wenn Oliver sagte, er brauche dringend eine neue Hebebühne für die Werkstatt – bitte, hier ist die Überweisung. Träumt weiter, baut weiter, lebt weiter. Ich habe es gerne getan.
Aber jetzt, seit ich wieder hier bin in meiner kleinen Eigentumswohnung am Rande von Hamburg-Harburg, ist alles anders. Jetzt soll ich offenbar still in der Ecke sitzen und die Enkel anlächeln, wenn sie zu Besuch kommen, und mich ansonsten gefälligst mit Kreuzworträtseln und dem Seniorenprogramm im Fernsehen begnügen.
Es fing letztes Frühjahr mit der Sache mit dem Klavier an.
Ich hatte in Zürich eine Patientin gepflegt, eine ehemalige Konzertpianistin, die mir in den Pausen ein paar einfache Stücke beigebracht hat. Nichts Weltbewegendes – „Für Elise“, ein bisschen Clementi. Aber es hat mir so viel Freude gemacht. Als ich das Wohnzimmer meiner neuen Wohnung einrichtete, dachte ich: Warum nicht? Warum nicht ein gebrauchtes Klavier kaufen, vielleicht ein schönes altes Schimmel aus den Sechzigern, und ein paar Stunden nehmen?
Ich erzählte Kathrin bei einem Sonntagsessen davon.
„Ein Klavier?“, wiederholte sie, die Gabel mit dem Bratenstück auf halbem Weg zum Mund. „Mama, das ist doch ein Riesenapparat. Wer soll den denn die Treppe hochtragen? Und die Nachbarn werden sich beschweren wegen der Musik. Glaub mir, das ist rausgeschmissenes Geld. Wozu brauchst du denn Klavier spielen?“
Oliver, der daneben saß und seine Gabel in die Soße tunkte, brummte: „Wir könnten das Geld echt gut für die neue Auspuffanlage gebrauchen. Der Prüfstand ist hinüber, und nächsten Monat kommen die TÜV-Abnahmen. Aber ja, kauf du ruhig ein Klavier.“
Ich sagte nichts. Ließ es fallen. Dachte, vielleicht haben sie ja recht, vielleicht bin ich wirklich zu impulsiv.
Drei Monate später kam Dorothea, meine alte Schulfreundin aus den Sechzigern, mit einer Reisebroschüre vorbei. Sie hatte Tränen in den Augen vor Freude. Ihre Kinder hatten ihr eine einwöchige Kur geschenkt, oben an der Ostsee, ein schönes Spa-Hotel in Grömitz mit Meerblick und Salzwasserbecken. „Komm mit!“, rief sie und fächerte mir die Bilder von der Strandpromenade vor dem Gesicht auf. „Du hast doch genug auf der hohen Kante. Wir buchen ein Doppelzimmer mit Balkon, gehen jeden Morgen im Meer schwimmen und abends in den Whirlpool. Wann haben wir uns das letzte Mal was gegönnt?“
Eine Woche Ostsee. Ich roch förmlich den Tang und die salzige Brise. Meine Haut sehnte sich nach dem kalten Wasser. Ich sagte sofort zu. Noch am selben Abend rief ich beim Reisebüro an und reservierte das Zimmer.
Am nächsten Tag kam Kathrin zum Kaffee. Ich zeigte ihr die Buchungsbestätigung.
Sie seufzte, bevor sie überhaupt richtig hingesehen hatte. Dieses tiefe, theatralische Luftholen, das ich so gut kannte. „Mama… wozu brauchst du das denn? Da sitzt du doch nur rum und guckst aufs Wasser. Teures Hotel, teures Essen. Und die Fahrt dahin – willst du wirklich allein mit dem Zug so weit? Oliver sagt, die Raten für die neue Werkstatteinrichtung werden dieses Jahr höher, und wir dachten, du könntest uns vielleicht ein bisschen unter die Arme… Ach, egal. Wenn du meinst, du musst da hin…“
Ich stornierte die Reise am nächsten Morgen. Sagte Dorothea, meine Arthritis würde mir zu schaffen machen. Sie fuhr allein und schickte mir Postkarten von der Sonnenterrasse. Ich legte sie in die Küchenschublade und machte sie nicht mehr auf.
Aber der wirkliche Einschnitt, der Moment, in dem die Mosaiksteine sich zusammensetzten, kam an einem verregneten Mittwoch im November.
Ich war mit der U-Bahn in die Innenstadt gefahren, einfach so, um ein bisschen unter Leute zu kommen. In einem kleinen Juweliergeschäft an der Steinstraße, einem schmalen Laden mit Holzvertäfelung und warmem Licht, sah ich sie: eine Damenuhr. Ein schlichtes Schweizer Modell einer unabhängigen Manufaktur, Mondphase auf Zifferblatt, cognacfarbenes Lederarmband, das Gehäuse aus poliertem Stahl. Keine protzige Goldrand-Geschichte, sondern eine leise, zeitlose Schönheit, die nur der Trägerin auffiel.
Ich stand zehn Minuten davor und betrachtete die Zeiger, die lautlos über das Zifferblatt glitten. Ich dachte an die tausend Nächte im Spital, die durchgelaufenen Schuhe, die schmerzenden Füße, die ich in eiskaltes Wasser stellte. Ich dachte an die überwiesenen Schecks und die nie gestellte Frage, wozu das Geld denn eigentlich gebraucht würde.
„Darf ich sie mal anlegen?“, fragte ich den Verkäufer.
Er nickte freundlich und holte sie aus der Vitrine.
Als das Leder mein Handgelenk umschloss, als ich die Mondphase im kleinen Fenster über der Sechs sah – da war es, dieses Gefühl von Ankommen. Als würde diese Uhr extra für diesen Moment und für dieses Handgelenk gemacht sein.
Zweitausendachthundert Euro. Völlig in Ordnung, dafür dass es Schweizer Handarbeit war und kein Modeschmuck.
„Ich nehme sie“, sagte ich.
In diesem Moment hörte ich die Ladenglocke und eine Stimme: „Da bist du ja, Mama! Wir wollten doch am Jungfernstieg treffen!“
Kathrin. Sie kam mit nassen Haaren in den Laden, tropfender Regenschirm in der Hand. Ihre Augen wanderten von der Uhr an meinem Arm zum Preisschild, das noch auf der Theke lag, und ich sah, wie ihre Gesichtszüge gefroren.
„Zweitausend…“, sagte sie und zog scharf die Luft ein. Sie wandte sich zu mir, senkte die Stimme, aber in diesem kleinen Laden klang es trotzdem wie ein Bühnengeflüster: „Mama. Das ist kein Schnäppchen. Das ist fast ein Monatsgehalt. Für eine Uhr. Du hast doch schon die alte von Oma, die funktioniert prima. Wozu brauchst du so was? Wo willst du damit hin? Zum Seniorennachmittag?“
Ich spürte, wie der Verkäufer sich verlegen zur Seite drehte. Ich spürte, wie meine Finger sich um das Lederarmband krampften. Und ich spürte, wie etwas in mir, das jahrelang gedehnt und gezogen und strapaziert worden war, endlich riss.
„Nein, Kathrin“, sagte ich leise. Aber meine Stimme war kein Flüstern mehr. „Nicht zum Seniorennachmittag. Ich will sie zum Leben tragen. Zu meinem Leben. Und ich kaufe sie. Jetzt.“
„Aber Mama! Oliver meinte erst gestern, dass die Steuerlast für die Werkstatt…“
„Oliver“, unterbrach ich, und meine Stimme war jetzt so klar und kalt wie das Wasser in einem Schweizer Bergsee, „kann seine Steuern selber bezahlen. Das habe ich lange genug für ihn gemacht. Für euch alle. Sechsundzwanzig Jahre lang.“ Ich drehte mich zum Verkäufer und lächelte. „Bitte packen Sie sie ein. Ich bezahle mit Karte.“
Kathrin stand da, den Mund noch halb geöffnet, den Regenschirm noch tropfend. Sie sagte kein Wort mehr, bis wir an der Kasse fertig waren, bis die Uhr in der kleinen dunkelblauen Schatulle lag und ich sie in meine Handtasche gleiten ließ.
„Du warst schon immer stur“, presste sie schließlich hervor.
„Ja. Und ich hatte schon immer recht damit“, antwortete ich und trat auf die nasse Straße hinaus.
Auf dem Heimweg in der U-Bahn, das kleine schwere Päckchen in meiner Tasche, passierte es: Ich musste lächeln. Nicht dieses höfliche, zurückhaltende Lächeln, das man im Bus trägt, sondern ein echtes, breites, fast kindliches Grinsen. Ich hatte es getan. Ich hatte eine unsichtbare Mauer durchbrochen, die sie um mich herum gebaut hatten – nein, die ich selbst zugelassen hatte.
Das war der Wendepunkt.
Zuhause rief ich als Erstes das Reisebüro an und buchte ein verlängertes Wochenende für mich allein, in einem kleinen Fünf-Sterne-Hotel in Baden-Baden. Mit Thermalbad und einer Suite mit Blick auf den Kurpark. Keine Entschuldigungen mehr, keine nachträglichen Erklärungen. Dann meldete ich mich online für den Fotokurs an – und nicht für den Anfängerkurs, sondern gleich für Fortgeschrittene. Sollten sie doch sagen, was sie wollten.
Am Sonntag darauf kamen Kathrin und Oliver zum Kaffee. Die Stimmung war merkwürdig, als sie sich an den Küchentisch setzten. Oliver sortierte erstmal umständlich die Kuchengabeln. Kathrin nippte an ihrem Kaffee und musterte meine Handtasche, die auf dem Sideboard lag.
„Mama… wegen der Uhr neulich…“, fing sie an.
„Ja?“
„Wir haben das nicht so gemeint, weißt du. Wir machen uns nur Sorgen. Dass du vielleicht zu viel ausgibst, jetzt wo du nicht mehr arbeitest. Du weißt doch, es ist alles so teuer geworden, die Werkstatt-Umbauten und Lenas neue Wohnung…“
Ich stellte meine Tasse ab, dass es einen kleinen, klaren Klang gab. „Kathrin, pass auf. Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang geschuftet. Ohne Urlaub, ohne Pause, ohne Luxus. Ich habe jeden Monat nur zweihundert Franken für mich behalten. Der ganze Rest ist an dich geflossen, an Oliver, an die Kinder. Neues Auto, neue Küche, Studium, Flüge. Und wisst ihr, was ich bei all den Überweisungen nie gefragt habe?“
Stille.
„Ich habe nie gesagt: Wozu brauchst du das? Ich habe nie gesagt: Ist das wirklich nötig? Ich habe nie gesagt: Das ist für uns zu teuer. Ich habe nur gefragt: Wohin soll ich es überweisen?“
Ich sah Oliver an. Er rutschte auf seinem Stuhl herum und studierte plötzlich sehr intensiv das Stück Kirschkuchen auf seinem Teller.
„Und jetzt“, fuhr ich fort, „habe ich noch genug für mich. Für mein Leben. Und ich werde es ausgeben. Für Uhren, für Fotokurse, für Kurzreisen, für ein Klavier, wenn mir danach ist. Und ich werde nicht mehr um Erlaubnis fragen. Ist das verstanden?“
Oliver nickte stumm. Kathrin sah mich mit einem merkwürdig fremden Blick an, als sähe sie mich zum ersten Mal. Eine Weile war nur das Klirren der Kuchengabeln zu hören.
Eine Woche später fuhr ich allein nach Baden-Baden. Ich wohnte in einem Zimmer mit schweren Samtvorhängen, dunklem Parkett und einem begehbaren Kleiderschrank, der allein so groß war wie mein altes Zimmer in Zürich. Morgens lag ich im Thermalbad unter freiem Himmel, die Dämpfe stiegen auf, die Uhr tickte leise an meinem Handgelenk. Nachmittags spazierte ich unter den Kolonnaden und machte mit meiner neuen Kamera Fotos von den alten Laternen, den Tauben auf dem Pflaster, den Spiegelungen in den Pfützen nach dem Regen. Am letzten Abend saß ich im Kerzenschein des Hotelrestaurants und aß ein Dreigänge-Menü mit Kalbstatar und geeistem Nougat. Als der Kellner fragte, ob die Dame noch einen Digestif wünsche, bestellte ich einen 25 Jahre alten Armagnac und prostete meinem Spiegelbild im Fenster zu.
Auf der Rückfahrt hielt der Zug kurz in Freiburg. Ich stieg aus, lief durch die Altstadt und kam an einem Klaviergeschäft vorbei. In der Auslage stand ein schwarzer Flügel, aber dahinter, kleiner und schmaler, ein wunderschönes altes Klavier aus Nussbaum, Baujahr 1928. Ich blieb stehen, legte die Hand an die Scheibe und sah mein Spiegelbild in dem polierten Holz.
Ich dachte: Vielleicht beim nächsten Mal.
Zurück in Hamburg erwartete mich kein Vorwurf, keine spitze Bemerkung. Nur eine Postkarte von Dorothea, die fragte, ob wir im Sommer zusammen wegfahren wollten. Die Tour nach Grömitz stand noch aus.
Und die Werkstatt in Quickborn? Kathrin hat mir vor ein paar Tagen beiläufig erzählt, dass Oliver einen Kredit bei der Bank aufgenommen hat. Einen ganz normalen Geschäftskredit. Mit Zinsen und Tilgungsplan. Sie sagte es so nebenbei, als sie mir den neuen Vorhangstoff für mein Wohnzimmer vorbeibrachte. Ich habe sie nicht daran erinnert, dass ich früher immer die Bank war. Ich habe nur genickt und ihr einen Tee angeboten.
Nächste Woche fängt der Fotokurs an. Mittwochs, achtzehn Uhr dreißig, Raum 12 im Altonaer Kulturhaus. Ich habe mir extra einen ledernen Rucksack für die Kamera bestellt, cognacfarben. Und egal, was kommt – keine Frage werde ich wieder stumm ertragen.
Wenn jemand das nächste Mal sagt: „Wozu brauchst du das, in deinem Alter?“, dann werde ich lächeln. Das richtige Lächeln. Das von der U-Bahn. Und ich werde sagen: „Weil es mein Leben ist. Und ich habe noch genug davon vor mir.“







