Sein Bruder verkaufte uns seinen Anteil am Grundstück. Als er pleite zurückkam, wollte er in unser Haus ziehen
— Thomas! Komm schnell! Wir haben den ersten!
Er kam aus dem Haus, noch in Jogginghose, die Haare nass vom Duschen, eine Kaffeetasse in der Hand. Sein Arbeitshemd hing über dem Geländer und roch nach Diesel und Lagerhalle. Er war erst nach Mitternacht von seiner Tour zurückgekommen.
— Den ersten was?
— Gurke, du Held.
Ich schob die Blätter zur Seite. Da lag sie: klein, krumm, stachelig. Unsere erste Gurke in unserem Garten am Rand von Leipzig.
Thomas ging in die Hocke und grinste.
— Also haben wir für dieses krumme Ding das Auto verkauft, deine kleine Wohnung und drei Jahre lang wie Verrückte gearbeitet?
— Genau für dieses Ding.
Er umarmte mich von hinten. Im Flur fehlten noch Fußleisten, im Wohnzimmer standen Kartons, und die Vorhänge waren provisorisch. Aber ich sah nicht, was fehlte.
Ich sah, was wir geschafft hatten.
Das Telefon klingelte auf dem Gartentisch.
Mama.
Thomas nahm ab.
— Ja, Mama… Was? Markus ist zurück? Mit Jana und den Kindern?… Alles verloren?… Morgen? Ja, wir sind da.
Er legte auf.
— Markus ist aus der Ostsee zurück. Sein Imbiss ist pleite. Sie sind bei Mama. Morgen kommen sie zu uns.
— Zu Besuch? fragte ich.
Thomas sagte nichts.
Ich drehte den Wasserhahn zu.
— Thomas, dein Bruder hat sich ein Jahr kaum gemeldet. Wenn er jetzt mit Familie und eurer Mutter kommt, dann nicht wegen Kaffee.
Drei Jahre vorher war das hier nur ein altes Grundstück, das Thomas’ Vater hinterlassen hatte. Herr Becker hatte immer ein Haus für seine Söhne bauen wollen. Dann kam der Herzinfarkt.
Die Mutter verzichtete auf ihren Anteil. Markus wollte damals an die Küste, einen Fischimbiss eröffnen. Er brauchte Geld.
— Kauf meinen Anteil, sagte er zu Thomas. — Lieber du als irgendein Fremder.
Er bestimmte den Preis. Er unterschrieb beim Notar. Er nahm das Geld und sagte lachend:
— Viel Spaß mit Unkraut und Mücken.
Wir verkauften unser Auto. Ich verkaufte die kleine Wohnung, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Für den Rest nahmen wir Kredit auf. Thomas fuhr Extraschichten. Ich arbeitete im Baumarkt, später noch samstags. Drei Jahre lang gab es keine richtigen Wochenenden. Nur Baustelle, Staub, Rechnungen und Hoffnung.
Markus schickte Urlaubsbilder vom Meer. “Bald bin ich reich.” “Kommt mal vorbei.” “Leben muss man können.”
Offenbar konnte das Leben auch Rechnung schreiben.
Am nächsten Nachmittag kamen sie. Markus stieg aus dem Auto, breitete die Arme aus und sah unser Haus an.
— Na, Bruder. Du hast es dir gut eingerichtet.
Jana sagte leise Hallo. Die Kinder rannten in den Garten. Seine Mutter, Frau Becker, stand in der Küche und sagte:
— Euer Vater wäre stolz. Das ist doch Familienboden.
Familienboden.
Ich stellte Kaffee und Kuchen hin. Zuerst redeten sie über die Fahrt. Dann über Pech, schlechte Partner, gestiegene Mieten, leere Wintermonate an der Küste.
Dann kam Markus zum Punkt.
— Wir brauchen eine Lösung. Bei Mama ist es zu eng. Ihr habt Platz. Wir ziehen erstmal hier ein.
Thomas’ Tasse blieb in der Luft stehen.
— Hier?
— Ja. Unten ist doch noch nicht fertig. Das machen wir uns schön. Die Kinder brauchen Stabilität.
Ich fragte:
— Wie lange?
— Bis es wieder läuft.
— Was läuft?
Markus sah mich an.
— Mein Leben, Sandra. Muss man das erklären?
Ich atmete langsam.
— Du hast deinen Anteil verkauft.
— An meinen Bruder. Nicht an Fremde. Das hier ist immer noch das Grundstück unseres Vaters.
Frau Becker nickte.
— Man muss zusammenhalten.
Ich ging ins Arbeitszimmer und holte den Ordner. Kaufvertrag. Kontoauszüge. Kreditunterlagen. Rechnungen für Dach, Fenster, Heizung.
Ich legte alles auf den Tisch.
— Zusammenhalten heißt nicht, so zu tun, als hätte es das hier nie gegeben. Ihr habt Geld bekommen. Wir haben verkauft, gebaut, geschuftet und Schulden aufgenommen. Dieses Haus ist nicht aus Familiengefühlen entstanden.
Markus lachte hart.
— Du warst immer schon die Buchhalterin.
— Zum Glück. Sonst würdet ihr heute behaupten, es sei nie bezahlt worden.
Thomas stand auf.
— Schluss, Markus.
Sein Bruder sah ihn überrascht an.
Thomas sprach langsam:
— Wir helfen euch. Ich frage in meiner Firma wegen Arbeit. Wir können beim Deposit für eine Wohnung helfen. Aber ihr zieht nicht hier ein.
Frau Becker begann zu weinen.
— Thomas, dein Bruder ist am Boden!
— Dann helfe ich ihm aufzustehen. Aber ich gebe ihm nicht unser Bett, unser Haus und Sandras Erbe.
Markus wurde laut.
— Du stellst deine Frau über deinen Bruder?
Thomas sah ihn direkt an.
— Ich stelle die Wahrheit über deine Bequemlichkeit.
Da sagte Jana plötzlich:
— Markus, hör auf.
Alle schwiegen.
Sie sah erschöpft aus.
— Ich habe dir gesagt, dass wir bitten sollen. Nicht fordern. Sie haben Recht.
Markus verließ den Tisch.
Es war kein schöner Nachmittag. Es gab Tränen, Vorwürfe, Schweigen. Aber sie blieben nicht.
In den nächsten Wochen half Thomas seinem Bruder, Arbeit zu finden. Wir überwiesen Geld für die Mietkaution. Jana fand später einen Teilzeitjob. Es dauerte Monate, bis Markus mir wieder in die Augen sah.
Im Herbst kam er allein vorbei. Mit einem Sack Kartoffeln.
— Sandra, sagte er. — Das damals war mies.
— Ja.
— Es tut mir leid.
Ich nickte.
— Kaffee?
Mehr war an dem Tag nicht nötig.
Die erste Gurke haben Thomas und ich noch am Abend nach diesem Streit gegessen. Sie war etwas bitter. Thomas sagte, sie schmecke nach Kredit, Schweiß und Zementstaub.
Für mich schmeckte sie nach Zuhause.
Denn ein Haus gehört nicht automatisch dem, der sich an den Namen des Vaters erinnert. Es gehört denen, die bezahlt, getragen, gebaut, gestritten, geweint und trotzdem weitergemacht haben.
Familie ist wichtig.
Aber Familie darf nicht bedeuten, dass andere über deine Opfer verfügen.
