Der Schwächling und die Superdackel

Sie nannten ihn Mickerling, Schlaffi, halbe Portion. Lars war vierunddreißig, einen Meter fünfundsechzig groß und wog so viel wie eine gut gefüllte Einkaufstüte – aber mit der Stabilität eines Kekses. In der Schule war er das Ziel aller Bälle, im Berufsleben das Ziel aller spitzen Bemerkungen. Er arbeitete im Lager eines großen Supermarkts in Hamburg-Altona, zwischen Paletten mit Dosensuppen und Klopapier, und die Kolleginnen steckten ihm ständig Kuchenreste zu. Nicht aus Zuneigung, sondern weil er so „arm und dünn“ wirkte. Er hatte sich an dieses Mitleid gewöhnt wie an eine alte Jacke.

Die wahre Katastrophe hieß Sabine. Sabine war eine Frau von der Sorte, die einen Raum betritt und ihn sofort kleiner macht. Groß, blonde Locken, eine Stimme, mit der man Glas schneiden konnte, und Oberarme, die beim Scannen der Waren über der Kasse vibrierten. Lars hatte sich auf den ersten Blick in sie verknallt – aus sicherer Entfernung. Sie war die Kassiererin, er der stille Träumer mit einem Becher Vanillejoghurt in der Hand.

An einem Donnerstagnachmittag, kurz vor Ladenschluss, stand Lars in der Schlange. Sabine thronte hinter Kasse vier, ihre blauen Augen blitzten gelangweilt. Plötzlich drängelten sich zwei Halbstarke vor, jeder mit einer Flasche Korn in der Hand.

„Wir sind dran, Opa“, sagte der eine und stellte seine Flasche aufs Band.

Lars spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss. Sabine schaute. Er konnte jetzt nicht kneifen.

„Ich war vor euch“, piepste er.

Der zweite Typ drehte sich um, stieß Lars mit einem Finger gegen die Brust. „Halt die Luft an, Männeken. Wir haben es eilig.“

In dem Moment donnerte Sabines Stimme dazwischen: „Ausweise, ihr zwei! Ich darf euch keinen Alkohol verkaufen, wenn ihr nicht volljährig seid. Also: entweder Papiere her oder ab nach Hause zur Mama!“

Die Jungs murmelten etwas von „Schikane“, ließen die Flaschen stehen und verzogen sich. Sabine lachte kurz auf, dann sah sie Lars an und sagte mit einer Wärme, die ihn fast umwarf: „Komm her, Kleiner. Ich mach das schon. Du musst was essen, du bist ja nur Haut und Knochen. Sogar die Gören fallen über dich her.“

Lars wollte im Boden versinken. Aber seltsamerweise lächelte Sabine ihn an, als hätte er eine Heldentat vollbracht.

Von dem Tag an war alles anders. Sabine brachte ihm Aufläufe mit, nannte ihn „mein Mäuschen“, kochte Kaffee in der Pause nur für ihn. Die Kolleginnen tuschelten: „Das Mäuschen gehört jetzt der Sabine. Soll sie ihn mästen.“ Lars störte das nicht. Er dachte: Wenn ich ihr Trophäe bin, dann bin ich ihr wenigstens wichtig.

Er nahm all seinen Mut zusammen und lud sie ins Kino ein. Sie willigte ein. Ein halbes Jahr später standen sie im Standesamt Blankenese, Lars im gebügelten Hemd, Sabine in einem Kleid, das ihre beeindruckende Statur perfekt betonte. Er weinte vor Glück. Sie sagte: „Jetzt kriegst du erst mal richtiges Essen, Mausi.“

Doch das richtige Essen kam mit einer Gebrauchsanweisung, die er nicht bestellt hatte. Sabine bestimmte, wann er aufstand, wann er den Müll runterbrachte, welche Wurst er aufs Brot legen durfte. Sie nannte ihn nicht mehr Mäuschen, sondern Schussel, Trantüte, Spargeltarzan. Immer mit einem Lächeln, das nicht in den Augen ankam. Lars versuchte, alles richtig zu machen, aber für Sabine war es grundsätzlich falsch. Hängte er ein Bild auf, war es schief. Kochte er Nudeln, waren sie zu weich. Faltete er Handtücher, war es nicht ihre Methode. Er ertrug es, denn er liebte sie ja. Es musste doch irgendwann besser werden.

Es wurde schlimmer. An einem Abend im November kam sie nach Hause, in der Hand die Scherben ihrer Lieblingstasse, einer alten Rosenthal-Tasse von ihrer Großmutter. Lars hatte sie abgewaschen und dabei war sie ihm aus den Fingern gerutscht. Sabines Gesicht färbte sich rot wie eine Ampel.

„Du Idiot! Du armseliger, unfähiger Wicht!“, brüllte sie. „Die war unersetzlich! Mit deinen Wurstfingern kannst du nicht mal spülen!“

Er stammelte eine Entschuldigung. Sie holte aus, ihre Handfläche traf seinen Hinterkopf mit einer Wucht, die ihn gegen den Küchenschrank taumeln ließ. Es schepperte, eine Tasse fiel noch einmal – aber diesmal nur in seiner Erinnerung. Lars hörte das Rauschen im Ohr, sah Sabines zornige Augen und in diesem Moment platzte etwas in ihm. Das war kein Streit mehr, das war eine Ohrfeige, wie er sie seit der Schulzeit nicht mehr bekommen hatte. Von seiner eigenen Frau.

Er packte eine Reisetasche, sagte kein Wort. Sie rief ihm hinterher: „Na los, hau ab, du Schlaffi! Ohne mich verhungerst du doch!“ Die Tür fiel ins Schloss, lauter als ihre Worte.

Die Scheidung lief schnell. Sabine behielt die Wohnung, die Möbel, das Geschirr. Lars zog in ein winziges Apartment in Harburg, mit einem Fenster zum Hinterhof und einem Kühlschrank, der nach dem Vormieter summte. Er fuhr weiter ins Lager, aß Kantinenessen und sprach mit niemandem. Verlieben? Nie wieder. Menschen waren Fallen.

Einziger Lichtblick war sein alter Schulfreund Marco. Marco hatte Frau, Kind und einen riesigen Kredit für ein Reihenhaus in Lurup, aber er rief Lars regelmäßig an und lud ihn ein. An einem verregneten Freitag besuchte Lars ihn zum ersten Mal seit der Trennung.

Marco öffnete die Tür und wirkte erschöpft. Hinter ihm hörte man Kindergebrüll und ein tiefes, empörtes Bellen. „Komm rein, aber pass auf – unser Problemkind ist wach.“ Im Wohnzimmer kauerte unter dem Esstisch ein Geschöpf, das aussah wie eine überdimensionierte Dackeldame. Vielleicht ein Meter lang, schwarzes Fell, riesige Schlappohren und ein Blick, der zwischen Trotz und Traurigkeit wechselte.

„Das ist Kleopatra“, sagte Marco. „Oder besser: die Superdackel. Die Züchterin meinte, sie sei ein Unfall – eine Mischung aus Dackel und Basset. Zu groß, zu lang, zu viel. Der erste Besitzer fand sie hässlich, der zweite brauchte einen Wachhund, aber sie bellt immer zur falschen Zeit. Dann hatte sie eine alte Dame, die ist mit ihr spazieren gegangen, aber Kleopatra ist hinter einer Katze her und hat sie umgerissen. Danach kam sie zu uns. Wir dachten, sie ist lieb zu Leon. Aber Leon will auf ihr reiten, und sie knurrt dann. Ich kann’s ihr nicht verdenken, aber meine Frau hat Angst. Gestern hab ich wieder den Gürtel rausgeholt, da ist sie unterm Tisch verschwunden. Die Kleine hat einfach kein Glück mit Menschen. Ich will sie ins Tierheim bringen, aber meine Frau sagt, das wäre ihr Todesurteil bei dem Ruf.“

Lars bückte sich und schaute unter die Tischplatte. Kleopatra sah ihn an, ihre Augen waren feucht und dunkel. Sie wedelte ein einziges Mal mit dem Schwanz, vorsichtig, wie auf Probe.

„Was guckst du so?“, murmelte Lars. „Du bist also auch eine Nicht-Konforme, hm? Zu groß, zu laut, passt nirgends rein.“ Er dachte an Sabines Hand auf seinem Hinterkopf, an die Typen im Supermarkt, an die Kolleginnen mit ihren Kuchenresten. „Ich kenn das.“

Marco grinste schief. „Nimm sie doch. Du hast keine Frau, die meckert, keine Kinder, die auf ihr reiten. Du hast doch die Ruhe weg. Vielleicht kannst du sie erziehen. Kynologe oder so. Ich zahle dir sogar die erste Stunde Hundeschule, wenn du sie nimmst. Aber ich will sie nicht mehr im Haus haben, tut mir leid. Sonst landet sie echt im Tierheim.“

Lars zögerte. Er hatte nie einen Hund gehabt, nicht mal einen Hamster. Aber diese lange, unglückliche Kreatur unter dem Tisch hatte etwas, das sich in seiner Brust meldete – eine Art stummes Bündnis.

„Glaubst du, sie kommt mit?“, fragte er.

Kleopatra, als hätte sie die Frage verstanden, kroch hervor und legte ihren schweren Kopf auf sein Knie. Ihr Schwanz wischte über den Boden.

Er nahm sie mit.

In der ersten Nacht in seinem Apartment lag Kleopatra auf dem Badezimmerteppich und seufzte im Schlaf. Lars saß auf dem Bett, starrte an die Decke und fragte sich, worauf er sich eingelassen hatte. Aber morgens, als sie ihm nass die Hand leckte und mit einem Haufen Sabber auf den Badezimmerspiegel wedelte, musste er lachen. Es war das erste echte Lachen seit Monaten.

Die Hundeschule in Wilhelmsburg war ein kleiner eingezäunter Platz mit Agility-Geräten und einem Trainer namens Mehmet, der mehr mit den Leuten schimpfte als mit den Hunden. „Der Rücken muss gerade sein, der Hund merkt deine Unsicherheit!“, rief er Lars zu. Kleopatra zerrte an der Leine, bellte Pudel an und wälzte sich in jeder Pfütze. Aber sie lernte. Und Lars lernte mit ihr. Mit jedem „Sitz“ und „Platz“, den sie befolgte, wurde sein Rücken ein bisschen gerader.

Auf dem Hundeplatz tauchten auch Leute auf, die nicht urteilten. Eine Frau mit einem Chihuahua, die Kekse verteilte und fragte, ob Kleopatra eine Mischung sei und wie schön ihr Fell glänze. Ein älterer Mann mit einem Schäferhund, der Lars Tipps für die Leinenführung gab und dazu selbstgebackenes Brot aus der Tasche zog. Eine lachende junge Frau mit vielen Sommersprossen, die einen Jagdhund führte und jeden Morgen um acht mit ihm Kaffee trank.

An einem Samstag, während Kleopatra mit einem Labrador um die Wette rannte und die Ohren ihr wie Flügel vom Kopf abstanden, setzte sich die sommersprossige Frau neben Lars auf die Bank. Sie hieß Jette. Sie redete über das Wetter, über nervige Nachbarn, über die beste Hundekuchenmarke. Lars antwortete, erst stockend, dann immer flüssiger. Sie verabredeten sich für einen gemeinsamen Spaziergang am Elbufer, die Hunde voraus, der Wind vom Wasser. Lars merkte, wie sein altes Leben – die Schlappheit, die Angst, die Ohrfeigen – von ihm abfiel, als würde ein schwerer Mantel auf den Boden sinken.

Noch war er nicht bereit, sein Herz wieder in fremde Hände zu legen. Aber wenn Kleopatra neben ihm hertrabte, ihre warme Schnauze an seinem Bein, dachte er: Vielleicht sind Hunde wirklich die besseren Menschen. Und die Menschen, die Hunde lieben, sind wenigstens auf dem richtigen Weg.

Am Ende eines langen Sonntags stand Lars vor dem Spiegel in seinem kleinen Bad, Kleopatra saß hinter ihm und gähnte geräuschvoll. Er betrachtete sein Gesicht, das nicht mehr ganz so schmal wirkte, und sagte leise: „Weißt du was, Kleo? Ich glaube, wir zwei sind gar nicht so übel, wie alle behauptet haben.“ Sie wedelte, als hätte sie jedes Wort verstanden, und dann leckte sie mit ihrer riesigen Zunge über den Spiegel. Lars lachte, wischte die Sabberspuren ab und ging in die Küche, um für sie beide das Abendessen zu richten – für sie das teure Dosenfutter mit Huhn, für sich selbst ein ordentliches Käsebrot.

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