Der Junge mit den gleichen Augen

»Papa, der Junge sieht genauso aus wie ich!«

Niklas Fischer blickte vom Fischstand auf. Seine Tochter Emma zerrte an seinem Ärmel und deutete auf die schmale Gasse zwischen den Buden des Hamburger Fischmarkts. Er wollte schon etwas Belangloses murmeln – Emma verglich in letzter Zeit jeden blonden Jungen mit sich selbst –, aber dann sah er das Kind.

Der Junge stand ein paar Meter entfernt, an einen Holzpoller gelehnt. Eine zu große, verwaschene Jacke. Helle Haare strähnig ins Gesicht fallend. Und dann die Augen. Stahlblau, tief liegend, mit diesem seltsamen Abstand zueinander. Niklas’ Finger, die eben noch einen Aal in Zeitungspapier hielten, verkrampften sich. Das Gesicht des Jungen war schmal, das Kinn klein und spitz. Emmas Kinn. Sein Kinn.

»Warte hier«, sagte er zu Emma und trat näher.

Der Junge wich nicht zurück. Er sah Niklas an, als hätte er die ganze Zeit nur auf diesen Moment gewartet. In den Händen hielt er einen zerknitterten Briefumschlag, mehrfach mit Tesafilm geklebt.

»Wie heißt du?«, fragte Niklas.

»Jonas.« Die Stimme des Jungen war kaum lauter als das Kreischen der Möwen über den Kränen.

»Und wohin gehörst du, Jonas? Bist du allein hier?«

Jonas schüttelte den Kopf, aber nicht als Antwort auf die Frage, sondern als wolle er einen falschen Gedanken loswerden. Er öffnete den Umschlag mit zittrigen Fingern. Zog ein Polaroidfoto heraus.

Niklas nahm es. Er sah einen jungen Mann im Krankenhaushemd, der ein Neugeborenes in einem weißen Kliniktuch hielt. Sein eigenes Gesicht, sieben Jahre jünger. Die gleichen müden, glücklichen Augen. Neben dem Kopf des Babys stand mit Kugelschreiber ein Datum: 17. Mai 2017.

Die Hände fingen an zu zittern. Er kannte das Foto. Es war aus der Klinikmappe verschwunden, kurz nachdem seine Frau Hannah aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Damals hatte er gedacht, eine Krankenschwester habe es versehentlich mitgenommen.

»Wo hast du das her?« Seine Stimme klang heiser.

»Von meiner Mama. Bevor sie gestorben ist.« Jonas sah zu Boden. »Sie hat gesagt, wenn ich je einen Mann mit blauen Augen treffe – so blau wie meine –, dann soll ich fragen, ob er mein Papa ist.«

Emma war leise herangekommen. Sie betrachtete den fremden Jungen mit großen Augen, dann das Foto, dann Niklas. »Papa, warum zitterst du?«

Niklas hörte sie kaum. Er sah wieder den Kreißsaal vor sich, Hannahs erschöpftes Gesicht, den einen Moment, in dem ihm die Schwester ein schreiendes Mädchen in die Arme gelegt hatte – Emma. Und daneben hatte der Arzt gestanden, mit einem Gesicht, das jedes Vaterherz kannte, bevor die Worte überhaupt ausgesprochen waren. »Es gab Komplikationen, Herr Fischer. Der zweite Zwilling – ein Junge – hat es leider nicht geschafft.«

Er hatte den Jungen nie gesehen. Keine Leiche, keine Urkunde. Hannah hatte tagelang geweint, und er hatte sein eigenes Entsetzen hinuntergeschluckt, um für sie stark zu sein.

Jetzt, mit dem Foto in der Hand, blickte er in ein Gesicht, das die gleichen blauen Augen trug.

»Wann ist deine Mama gestorben?«

»Vor zwei Jahren. Lungenkrebs. Seitdem wohne ich bei Oma Martens in Barmbek. Aber Oma ist alt, sie kann nicht mehr gut laufen, und das Geld reicht nicht.« Jonas wischte sich mit dem Jackenärmel über die Nase. »Deshalb verkaufe ich hier selbstgemachte Armbänder. Und deshalb habe ich auf dich gewartet. Mama sagte, der Mann auf dem Bild heißt Niklas Fischer und wohnt irgendwo in Hamburg.«

Niklas spürte Emmas kleine Hand, die sich in seine schob. »Papa? Ist der Junge mein Bruder?«

Er brachte kein Wort heraus. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Hannah. Die Geburt. Der Arzt, der so schnell alles geregelt hatte. Das Foto, das verschwunden war.

Er kniete sich hin, sodass er mit Jonas auf einer Höhe war. »Jonas, ich glaube, du bist… du könntest mein Sohn sein. Aber ich muss etwas herausfinden. Vertraust du mir, wenn ich sage, dass ich dich jetzt nicht allein lasse?«

Der Junge nickte langsam. Und zum ersten Mal glomm etwas wie Hoffnung in seinem Blick.

Niklas brachte die beiden Kinder zu einer Freundin in der Hafencity, nur für eine Stunde, sagte er. Jonas hielt Emmas Hand auf dem ganzen Weg, und Emma plapperte munter von ihrem Zimmer und den Meerschweinchen. Niklas fuhr durch die Stadt, ohne die Ampeln zu sehen.

Er fand Hannah in der Küche ihrer Altbauwohnung in Eimsbüttel. Sie bügelte Hemden. Der vertraute Geruch von Dampf und Stärke, der ihm sonst so tröstlich war, schnürte ihm jetzt die Kehle zu.

Er legte das Polaroid auf den Bügeltisch.

Das Bügeleisen blieb in der Luft stehen. Hannah wurde weiß.

»Hannah. Der Junge, den ich vor einer Stunde am Fischmarkt getroffen habe, heißt Jonas. Seine Mutter starb an Krebs. Er ist sieben Jahre alt. Er sieht aus wie Emma, wie ich. Er hatte dieses Foto dabei.«

Keine Antwort.

»Sie haben mir gesagt, der zweite Zwilling sei tot. Du hast geweint, du hast getrauert. Ich habe dich im Arm gehalten, Nacht für Nacht. Was ist wirklich passiert?«

Hannah stellte das Bügeleisen auf die Ablage. Ihre Finger zitterten, als sie sich auf einen Hocker fallen ließ.

»Ich konnte nicht, Niklas. Zwei Babys – ich war völlig überfordert. Nach der Geburt bin ich in ein Loch gefallen, so tief, dass ich dachte, ich werde verrückt. Dr. Brenner – der Oberarzt – hat mir gesagt, ich brauche eine Pause, sonst kippe ich ganz. Er hat mir angeboten, den Jungen einer Pflegerin zu überlassen, die selbst keine Kinder bekommen konnte. Sie hieß Klara. Klara Martens. Es sollte eine Adoption im Stillen sein. Keine Papiere, keine Fragen. Er würde den Totenschein ausstellen.«

Niklas starrte sie an. »Du hast mir vorgegaukelt, mein Sohn sei gestorben. Sieben Jahre lang, Hannah. Jede Nacht, in der du mich getröstet hast, war eine Lüge.«

»Ich hatte solche Angst, du würdest mich verlassen, wenn du es erfährst! Und später… später wusste ich nicht, wie ich es je hätte sagen können. Klara hat mir alle paar Jahre ein Foto geschickt, über den Arzt. Ich wusste, dass es Jonas gut geht. Ich dachte, damit könnte ich leben.«

»Damit konntest du leben.« Niklas’ Stimme war gefährlich ruhig. »Der Junge lebt jetzt bei einer alten Frau, die kaum Treppen steigen kann, und verkauft Armbänder auf der Straße, während du Hemden bügelst und weiter tust, als wäre nichts gewesen.«

Hannah schluchzte auf. »Ich habe jeden Tag daran gedacht—«

»Nein.« Niklas riss das Foto vom Tisch. »Du hast jeden Tag an dich gedacht. Ich fahre jetzt zu Jonas. Und du rufst einen Anwalt an.«

Er verließ die Wohnung, ohne sich umzudrehen.

In den folgenden Wochen brach Niklas’ Leben in alle Einzelteile, nur um sich neu zusammenzusetzen. Die Klinik bestritt jede Beteiligung, Dr. Brenner war längst im Ruhestand und nicht greifbar. Oma Martens bestätigte unter Tränen, dass ihre Tochter Klara den Jungen damals als Pflegekind bekommen habe, ohne offizielle Adoption – und dass sie niemandem etwas Böses gewollt habe. Sie gab Jonas widerstrebend in Niklas’ Obhut, als sie sah, wie glücklich der Junge dabei war, plötzlich einen Vater und eine Schwester zu haben.

Niklas reichte die Scheidung ein. Hannah zog vorübergehend zu ihrer Schwester nach Lüneburg. Die Anwaltsbriefe gingen hin und her, aber nicht um Emma und Jonas – das Sorgerecht für beide wurde Niklas ohne großen Streit zugesprochen. Hannah hatte nicht mehr die Kraft zu kämpfen.

Sechs Monate später.

Ein kühler Samstagmorgen, wieder auf dem Fischmarkt. Die Sonne kämpfte sich durch die Wolkendecke und warf glitzernde Streifen auf die Elbe. Niklas kaufte drei Fischbrötchen, drei Apfelschorlen, und sie setzten sich auf eine Bank am Ponton.

Emma knuffte Jonas in die Seite. »Weißt du, welcher Fisch Aale am liebsten mag?«

Jonas grinste. Er hatte inzwischen eine passende Jacke und die blauen Augen blitzten unter der Wollmütze hervor. »Keine Ahnung. Welcher?«

»Der Aal-tagator!«

Beide prusteten los. Niklas sah, wie die Möwe auf dem Pfosten den Kopf schief legte, als wollte sie mitlachen. Er rückte näher an Jonas heran, der automatisch seinen Kopf für einen Moment an die Schulter seines Vaters lehnte.

Das Polaroid von damals steckte jetzt hinter der Klarsichthülle in Niklas’ Brieftasche. Er hatte es nie jemandem erklärt. Aber heute zog er sein Handy aus der Tasche und machte ein Foto von Emma und Jonas, Mundwinkel voller Remoulade, im Hintergrund die Kräne und der Himmel über Hamburg.

Jonas sah es auf dem Display und lächelte. Ein Lächeln, das endlich nicht mehr fragend war.

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Sixty & Me
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