Ich öffnete wieder seinen Kontakt.
Mein Finger schwebte über der Anruftaste.
Dieses Mal — länger als sonst.
Mein Herz schlug, als wäre ich wieder zwanzig.
Komisch… mit 68 denkt man, man hätte schon alles erlebt.
Aber nein. Die stärksten Gefühle kommen genau dann, wenn man nichts mehr erwartet.
— Was, wenn er nicht rangeht?..
— Was, wenn doch?..
Zwei Gedanken. Und beide machen mir gleich viel Angst.
Ich schloss die Augen.
Und zum ersten Mal seit drei Monaten sagte ich mir ehrlich:
Ich habe keine Angst vor ihm. Ich habe Angst vor mir selbst — vor der Frau, die ich neben ihm sein könnte.
…Und ich drückte auf „Anrufen“.
📞
Freizeichen.
Eins. Zwei. Drei.
Ich wollte schon auflegen — da hörte ich:
— Carmen?..
Seine Stimme.
Die gleiche. Ruhig. Warm.
Als hätte es diese drei Monate Stille nie gegeben.
Ich schwieg einen Moment.
Und plötzlich waren alle vorbereiteten Worte weg.
— Ich bin’s… — sagte ich leise. — Ich hoffe, du hast deine Nummer nicht geändert.
Er lachte leise.
— Ich hatte Angst, dass du nie anrufst.
Das traf mich.
— Warum hast du nicht selbst angerufen? — rutschte es mir heraus.
Pause.
— Weil… — er atmete aus. — ich wollte nicht zerstören, was zwischen uns war. Wenn es mehr war — würdest du anrufen. Und wenn nicht… wollte ich es nicht zu einem gewöhnlichen „Hallo, wie geht’s“ machen.
Ich setzte mich. Meine Beine wurden plötzlich schwach.
— Und wenn ich jetzt anrufe… was bedeutet das?
Noch eine Pause.
Dann ganz leise:
— Dass wir beide umsonst Angst hatten.
…Wir sprachen zwei Stunden.
Genau wie in Rom.
Ohne Anstrengung. Ohne leere Worte.
Als hätten wir einfach dort weitergemacht, wo wir aufgehört hatten.
Und plötzlich sagte er:
— Ich komme.
Ich erstarrte.
— Wohin?
— Zu dir. Nach Polen.
— Viktor… — ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
— Antworte nicht sofort, — sagte er sanft. — Sag mir nur ehrlich: Möchtest du mich wiedersehen?
Ich sah aus dem Fenster.
Der Frühling war schon ganz da.
Menschen gingen vorbei, Autos fuhren, das Leben lief weiter.
Und plötzlich wusste ich ganz genau:
Wenn ich jetzt „ich weiß nicht“ sage — lüge ich.
— Ja, — sagte ich. — Ich möchte.
Stille für einen Moment.
Dann:
— Dann komme ich in einer Woche.
📍
Diese Woche war seltsam.
Ich ertappte mich dabei, länger in den Spiegel zu schauen.
Kleider hervorzuholen, die ich lange nicht getragen hatte.
Ich kaufte sogar ein neues Parfüm — zum ersten Mal seit Jahren.
Meine Kinder merkten es.
— Mama, ist etwas passiert? — fragte meine Tochter.
Ich lächelte.
— Vielleicht.
📍
Als er aus dem Zug stieg, erkannte ich ihn sofort.
Dasselbe graue Haar.
Derselbe ruhige Blick.
Aber jetzt war da noch etwas.
Entschlossenheit.
Wir gingen langsam aufeinander zu.
Ohne Eile.
Als hätten wir Angst, dass eine hastige Bewegung alles zerstören könnte.
— Hallo, Carmen, — sagte er.
— Hallo.
Und dann… umarmten wir uns.
Aber es war nicht mehr wie am Flughafen in Rom.
Es war anders.
Nicht „vielleicht“.
Sondern „jetzt“.
📍
An diesem Abend saßen wir in meiner Küche.
Ganz normaler Tee. Ganz normale Wände. Kein Rom.
Und plötzlich sagte er:
— Weißt du, ich hatte Angst vor diesem Moment.
— Warum?
— Weil… wenn ich hier — er sah sich um — dasselbe fühle wie in Rom, dann ist es kein Zufall mehr.
Ich sah ihn an.
— Und was fühlst du?
Er lächelte leicht. Ein bisschen unsicher.
— Schlimmer.
Ich war überrascht.
— Schlimmer?
— Ja. Weil es jetzt ernster ist.
Ich lachte.
Zum ersten Mal wirklich leicht.
— Mit 68 haben wir Angst vor „ernst“?
Er sah mir direkt in die Augen.
— Mit 68 wissen wir, was das bedeutet.
📍
Spät am Abend, als er schon in das Gästezimmer gehen wollte, sagte ich plötzlich:
— Viktor.
Er drehte sich um.
— Und wenn das alles ein Risiko ist?
Er dachte kurz nach.
Und antwortete:
— Dann ist es vielleicht das erste richtige Risiko seit langer Zeit.
📍
In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen.
Aber nicht aus Angst.
Sondern wegen dieses warmen Gefühls in mir.
Als hätte das Leben leise gesagt:
„Ich bin noch nicht zu Ende. Nicht einmal annähernd.“
Und jetzt ist die Frage eine andere:
Nicht „Soll man in der Liebe Risiken eingehen?“
sondern
„Wie viele Chancen verpassen wir, weil wir unsere Angst ‚Vernunft‘ nennen?“
